Samstag, 30. April 2011

Agés -> Burgos: Abschied


Der Wecker piepst um 6:15. Fertig machen wie immer, geht ohne Katrien aber schneller. Johnni ist auch schon auf, am Packen und irgendwann weg. Als ich die Albergue durch das Restaurant verlasse, trinkt er dort gerade einen Kaffee. Als wir losgehen, kommt er auch und läuft mit einer Selbstverständlichkeit neben mir her. Ich trage Ts und mein Frühstück. Wir machen ein bisschen Smalltalk. Hinter uns geht langsam die Sonne auf. Das ist so toll! Wir erreichen das nächste Dorf, Atapuerca, wo die Leute, die dort übernachtet haben, auch gerade aufbrechen. Wir sehen Mirjam, Verena, David und co. Dann geht’s hoch zur Matagrande, geht auch wieder alles mit Crocs. Vor uns sehen wir Burgos im Dunst liegen. 



Bergab kommen wir an einem alten deutschen Bus vorbei, dann geht’s durch mehrere kleine Dörfer. Im dritten gibt’s eine Bar, da machen wir dann endlich Frühstückspause. T. und ich setzen uns auf eine Bank an der Seite. Johnni holt sich einen Kaffee und was zu essen und gesellt sich zu uns. Der Weg nach Burgos zieht sich, vorbei am Flughafen ins hässliche Industriegebiet. Leider verpassen wir den Abzweig zum Fluss und gelangen so größtenteils durchs Industriegebiet und an der Bundesstraße entlang ins Stadtgebiet. Wir sind recht still, ich fühle mich erschlagen von Lärm und Hektik der Großstadt. Ich mag Burgos jetzt schon nicht, mit all den Aussichten, die vor mir liegen. Es wird nicht nur für Johnni sondern auch Sébastien und David der letzte Abend auf dem Camino sein. Ich mag keine Abschiede. Dieser Kloß im Hals, dieses Gefühl, langsam erwürgt zu werden. Ich würde am liebsten davonlaufen. Aber das hilft auch nicht. Wir werden alle recht depressiv. Der Gestank, der Lärm, die vielen Leute. Johnni sagt, er lebe lieber auf dem Land, bräuchte nur einen Supermarkt in der Nähe. So langsam erreichen wir Wohngebiete. Die Orientierung an gelben Pfeilen ist hier nicht gerade einfach. Dann das erste Hinweisschild auf die Albergue: noch 2,5km. Das Stadtzentrum kommt näher und wir erhaschen erste Blicke auf die Kathedrale. Um 12:15 sind wir da. Die Frau am Empfang ist sehr unfreundlich, behandelt T. und mich wie Kinder, nur weil wir Geld und Credencial nicht schnell genug parat haben. Egal. Schlafsaal 1 ist unserer. Dann wieder duschen, Wäsche waschen. Ich entdecke ein Loch in meinen Billigsocken. Da muss ich mir wohl neue kaufen. Aber wir wollten eh noch nach Einlagen für die Wanderstiefel gucken. Dann machen T. und ich uns auf den Weg. Erst um die Kathedrale rum, die wirklich sehr imposant ist und dann noch Schokotörtchen und Cola kaufen und essen, weil wir so Hunger haben und ein Koffein- und Endorphinschub gerade gut passt. Die Suche nach einem Sportgeschäft verläuft erst mal ergebnislos, dafür kaufen wir im Día noch Verpflegung für morgen. Mir geht’s gar nicht gut, irgendwie ist mir schwindlig. T. und ich trennen uns und ich gehe schnell in die Herberge zurück und lege mich ein bisschen hin.



Als es mir wieder besser geht, kommt gerade T. und berichtet, Katrien und Eugene seien eingetroffen. Also sage ich ihnen an der Rezeption hallo und Johnni ist dann auch da. Wir beschließen, noch mal in die Stadt zu gehen und einen Sportladen zu suchen. Draußen nieselt es. Er berichtet mir, er fahre heute Nacht schon mit dem Bus nach Barcelona. Der Regen wird stärker. In der Tourist-Info erfahren wir, wo der nächste Sportladen ist. Zufälligerweise ist der Busbahnhof gleich in der Nähe, wo Johnni sich sein Ticket holen will. Im strömenden Regen verlassen wir die Innenstadt Richtung Süden. Er nur im T-Shirt, ich in Langarmshirt und Weste. Es wird kalt. Ich fühle mich wie ein begossener Pudel. In der Wartehalle vom Busbahnhof kauere ich mich auf eine Bank und versuche vergeblich, ein bisschen warm zu werden, während er sich anstellt und sein Ticket kauft. Das Sportgeschäft ist zwei Blocks entfernt und momentan geschlossen, macht aber abends noch mal auf. Gegenüber ist eine Bar, wo wir uns erstmal aufwärmen und Kaffee trinken. In der Zeitung schauen wir nach dem Wetterbericht für die nächsten Tage. Regen. Na toll, das passt dann weiter zu meiner Stimmung. In Dänemark scheint die Sonne. In meinem Horoskop steht was über außerordentliche physische Stärke, den Rest können wir nicht entschlüsseln. Da es immer noch regnet und nicht besser wird, machen wir uns auf den Rückweg. Auf den glatten Steinen rutsche ich fast aus. Das würde mir jetzt noch fehlen, dass ich mir was breche.
Nass von oben bis unten erreichen wir die Herberge. Er bleibt draußen bei Eugene und raucht noch eine, ich muss aus den nassen Klamotten raus und verkrieche mich in den warmen Schlafsack mit mp3. Ganz langsam wird mir wieder warm. T. muntert mich wieder auf. Da das Wetter wieder besser ist und es zeitmäßig auch hinhaut, wecken wir noch Katrien und gehen zu dritt zum Sportgeschäft, kaufen neue Einlagen, ich neue Socken und Katrien noch einen Gürtel. Auf dem Rückweg mache ich noch ein paar Fotos und kaufe noch Schokolade für morgen. Dann ist es auch schon 7, Zeit für das Abendessen und Abschiednehmen von Johnni, Sébastien und David. Wir schlendern durch die Stadt und landen in einer Pizzeria. Wir schauen uns Fotos von der Kathedrale auf Eugenes Digicam an. Für mich gibt’s Radler und eine vegetarische Pizza. Nach dem Essen verabschieden sich T. und Katrien, die müde sind und in die Herberge gehen. Wir anderen gehen noch was trinken. Johnni kauft Rotwein für sich und mich. Diesmal sitzt Eugene zwischen uns und erzählt seinen Grund, den Camino zu gehen. Im Januar von der Freundin getrennt, sie einen Monat später mit dem neuen Freund gesehen und im März gekündigt worden. O weh! Nach dem nächsten Schauer müssen wir wieder zurück zur Herberge, die um 22Uhr ihre Pforten schließt.Wir verabschieden uns von Johnni, der sich auf den Weg zum Bus macht.
(25km, 5h15)

Freitag, 29. April 2011

Belorado -> Agés: Ich fliege!


Aufstehen um 6:20. Die Nacht war so lala, aber wieder wanzenfrei. Ich mache mich fertig und esse Frühstück, aber weil die anderen so ewig brauchen, starte ich allein mit mp3. 7:30, es ist noch recht frisch. Mir egal, ich will laufen. Hinter Belorado überhole ich viele andere. Ich fliege durch die Käffer und bin nach 2einviertel Stunden in Villafranca Montes de Oca. Dort verärgere ich erstmal die Putzfrau der Albergue, wo ich nach dem Klo frage. Sie lässt mich aber hin. 



Danach geht’s bergauf, noch immer in Crocs, vorbei an vielen anderen Pilgern. Endlich eine Herausforderung! Unter anderem überhole ich ein brasilianisches Paar mit Rollkoffer. Oben ist Wald. Hapes Zauberwald. Recht schön Plötzlich springt Verena vor mir aus dem Gebüsch, ich dachte schon, wir hätten sie hinter uns gelassen… Sie läuft mit Mirjam. ich ziehe an beiden vorbei. Kurz bergab und wieder bergauf, dann eben durch den Wald.



Auf dem Weg liegt eine Schlange. Als ich ein paar Italiener überhole, ruft mir einer „Avanti, avanti!“ hinterher. Um 12:15 bin ich in San Juan, wo ich mir eine Cola light und 200g Kekse und einen Apfel reinziehe. Und dann warte ich erstmal auf das, was kommt. Erstmal kommt nichts. Also gehe ich erstmal in die Kirche, die für Wallfahrer angeblich die letzte Hoffnung für kinderlose Frauen war. Ich gehe noch in der Bar auf’s Klo. Ich bleibe noch ein bissl, weil ich eigentlich auf T. warten will, entscheide mich aber nach ein paar Minuten anders. Ich bin innerlich total unruhig. Von daher schalte ich den Turbo ein. Ich hole den Dänen ein und wir quatschen ein bisschen. Johnni läuft nur noch bis Burgos und da sind wir morgen. Wir checken in Agés zusammen in die Herberge ein. Duschen, waschen, rausgehen, in die Sonne setzen. Es ist so schön! Martina kommt auch irgendwann. Katrien bleibt mit den Franzosen in San Juan. 



In einer Bar gibt’s frisch gepressten O-Saft. Ich bekomme wieder Sonnenallergie und muss mir wieder was Langärmliges anziehen. Ich helfe Wolfgang beim SMS schreiben und bekomme dafür einen Weißwein spendiert. Endlich hat er auch aufgehört, nach meinem nicht mehr verwanzten Schlafsack zu fragen. Wir lernen eine Katrin aus München kennen, die sich mit T. unterhält. Mir wird’s zu deutsch und so schlendere ich noch ein bisschen durch Agés. Die Kirche ist echt nett, dort sitze ich ein paar Minuten vorm Marienaltar und halte stille Zwiegespräche. Bis ich wieder zu unruhig werde und die Kirche verlasse. Ich sehe den Dänen auf der Rückseite der Albergue sitzen und geselle mich dazu. Noch ein bissl Sonne tanken und ein bisschen unterhalten. Später gehe ich T. zum Abendessen holen. Es gibt Tortilla für sie, ein Käsebrötchen für mich und für uns beide einen gemischten Salat und Nachtisch. Die Sonne blendet mich. Im Fernsehen läuft eine Dauerzusammenfassung von der Hochzeit von Prinz William und Kate. Das ist dann irgendwann nervig. Wir unterhalten uns noch kurz, dann gehen wir auch, ich muss noch mal meine Sonnenallergie versorgen. Leise schleichen wir in die Betten.
(28km, 6h 30)

Donnerstag, 28. April 2011

Santo Domingo de la Calzada -> Belorado: -3kg


Ausschlafen. Naja. Offiziell ist bis 6:30 Nachtruhe. Um 6:35 schaltet einer das Licht ein. Der halbe Schlafsaal ist schon auf und räumt um. Wir bleiben noch in den Schlafsäcken liegen. Die Nacht war nicht so prickelnd. Das Bett schwankt und quietscht bei jeder Bewegung. Aber immerhin wanzenfrei. Als die meisten schon fertig sind, fangen wir an und machen uns fertig. Zum Abschied wird jeder Pilger von der spanischen Empfangsdame geknuddelt. Frühstück (Pfirsichsaft, zwei Scheiben Baguette mit Butter und Marmelade) gibt’s in der Bar nebenan. Kurz nach halb 9 sind wir bei der Post. Der Postbeamte packt die Isomatten inklusive Restkrempel in einen Karton. Auf der Waage macht das 4,3kg, von denen ich ungefähr 3kg getragen habe. Wir entscheiden, das Paket doch postlagernd nach Santiago zu schicken, was nur 9€ kostet. Der Versand nach Deutschland wäre noch mal 30€ teurer. Wieder Geld gespart. Ich habe es sogar geschafft, meine Wanderstiefel im Rucksack zu verstauen, so dass ich heute ohne Plastiktüte laufen kann. Beschwingt geht es raus aus dem Städtchen, vorbei an Storchennestern, ein bisschen an der Straße entlang. Mir geht es richtig gut, ich kann sehr gut laufen. Bis Grañon habe ich eine Viertelstunde Vorsprung. Ich warte aber auf T. und Katrien, weil es Zeit für eine Pipi-Pause und ein zweites Frühstück ist. O-Saft und WC gibt’s in einer Bar, dann noch eine halbe Packung Butterkekse im Supermarkt. Ich laufe mein Tempo weiter und passiere die Grenze von La Rioja zu Castillia y Léon. Dann geht’s wieder Richtung Bundesstraße, auf der jetzt mächtig (LKW-)Verkehr herrscht und die am Ortsanfang und –ende von Redecilla del Camino zweimal überquert werden muss. Hier verstehe ich die Warnhinweise für die Pilger vor dem Verkehr…




Ich mache im übernächsten Ort (Viloria de Rioja) kurze Mittagspause mit dem Rest der Kekse, einer Banane und einem Apfel. Aber ich bleibe nicht lange, weil es ungemütlich ist, Hunde rumlaufen und ich auf’s Klo muss. Also geht’s weiter. Meine Stimmung ist irgendwie nicht mehr so gut. Ein Band am rechten Fuß tut ein bissl weh. Entlang der Bundesstraße geht es unter scheinender Sonne mehrere Kilometer Richtung Belorado. Ganz schön anstrengend. Im Ort ist die Herberge, die wir uns rausgesucht haben, natürlich die letzte am Weg. Ich reserviere für 3 und bezahle 8€ pro Nase. 6-Bett-Zimmer. WC, Dusche, Füße versorgen. Dann sind T. und Katrien da. Ich mache es mir im Garten im Schatten gemütlich und mache Mani- und Pediküre. Katrien wird heute Abend noch Besuch von einer Freundin bekommen, T. und ich beim gemeinsamen Abendessen in der Herberge teilnehmen. Wir erkunden noch den Ort und landen auf dem Marktplatz. Dort gibt’s Eis (inklusive Schokofleck auf der Bluse) und T. kauft sich ein Käppi. Der Däne macht gleich wieder ein Foto. Ich frage ihn, warum er das tut und er antwortet nur irgendwas mit „pilgrim“. Komischer Kerl!
T. geht sich noch ein bissl ausruhen und ich geselle mich zu Katrien und ihren Freunden. Nett. Dann ist es Zeit für das Abendessen. T. und ich sitzen mit einem älteren Paar aus Köln an einem Tisch. Er ist ja ganz nett, aber sie vergleicht alles mit Deutschland. Später stellt sich heraus, dass sie Kinderkrankenschwester ist… Ich hätte ja auch lieber an einem anderen Tisch gesessen. Als ersten Gang gibt es Pasta mit Tomatensoße, dann Hühnerschenkel mit Kartoffelsalat und gemischtem Salat, sehr lecker, endlich mal richtig gewürzt. Nachtisch: Karamellflan. Es gibt wieder Rotwein und als sich alle eingegossen haben, stoßen alle an. Nach dem Essen gehen wir noch mal kurz in die Stadt, dann noch mal in den Garten. Es wird aber schnell kalt, also geht’s wieder rein. Ich operiere Katriens Füße, die heute den ganzen Tag auf Tevas gelaufen ist und Blasen bekommen hat. Danach geht’s schlafen.
(23,5km, 5h)

gruselig...

Mittwoch, 27. April 2011

Ventosa -> Santo Domingo de la Calzada: 200km geschafft!


Wecken um 6:00 mit gregorianischen Gesängen. Die haben wir ja in Roncesvalles vermisst. Anziehen, fertig machen, packen, oh, was krabbelt da auf meinem Bett? Diesmal ist es wirklich eine Bettwanze. Wolfgang (wir sind hier wirklich das Deutschhaus!) killt sie. Im Mini-Pilger-Laden, der direkt im Haus ist, frage ich die Dame des Hauses, die mir erzählt, wir hätten schon mehrere Herbergen passiert, die noch nicht desinfiziert hätten. Nachdem ich aber nicht gebissen worden bin (zumindest juckt nichts, obwohl das Biest voller Blut war), kann ich eventuell Glück gehabt haben und das Vieh nur transportiert haben. Sie empfiehlt mir, meine Sachen durch den Trockner zu jagen und eventuell auch den Rucksack mit Insekten-Ex zu behandeln. Ich finde es toll, dass sie mich nicht wie eine Aussätzige behandelt. Zum ersten Frühstück gibt es ein Hörnchen, eine Banane und einen Apfel. Um 7:15 gehen wir los. Es ist noch recht frisch draußen. Wir kommen gut voran. Ich trage wieder meine Wanderstiefel. Die Landschaft ist erst wieder sehr abwechslungsreich, dann haben wir einiges an Industrie neben uns. 


Der Weg wird wieder hart. Nach gut zwei Stunden erreichen wir Nájera. Dort versorgen wir uns im Supermarkt und haben wir ein zweites Frühstück: Joghurt, einen Müsliriegel und O-Saft. Ich wechsle meine Schuhe wieder auf die Crocs. Sébastien, Vanessa und Hélène suchen Vanessas Wanderstiefel. Scheinbar hat jemand mit einer halben Größe Unterschied ihre genommen. Sie vergisst ihren Wanderstock bei uns, bekommt ihn aber fünf Minuten später von uns wieder, als wir sie, ihre Schuhe wiedergefunden, wieder treffen. Dann geht’s aus dem Städtchen raus, bergauf. Die Sonne scheint mittlerweile, es ist warm. T. und ich erreichen eine Hochebene mit Weinreben und Feldern. Sehr schön, leicht diesig. T. kann gut laufen, hat schon vor Nájera ihre Wanderstiefel auf Turnschuhe gewechselt. Wir unterhalten uns recht gut. Weil ich dringend auf’s Klo muss und eine kleine Pause nie schadet, gehen wir in Azofra in eine Bar. Ich bestelle was zu trinken, frage nach dem Weg zum Klo, bringe die Gläser zum Tisch und sehe den Barkeeper am Ende des Flures eine Treppe erklimmen. Ich stürme das Klo und stelle fest, dass kein Papier da ist. Also denke ich, ich hole welches vom Männerklo nebenan, wir sind eh die einzigen Gäste hier in der Bar, gehe rein und da steht der Barmann und hat nicht abgeschlossen. Ich hab zwar nichts gesehen, aber peinlich war es trotzdem. Als der Barmann das Klo verlässt, frage ich nach „el papel“. Katrien ist dann auch da und während wir Pause machen, läuft Verena an der Bar vorbei. Nach einer Weile gehen wir weiter durch relativ baumlose Felder, einen Teil auch an der Landstraße, wo der Autobahnausbau von Pamplona nach Santiago de Compostela schon begonnen hat. Es ist Zeit für Entscheidungen:
  1. Ich beschließe, meine Klamotten und den Schlafsack in den Trockner zu werfen, wenn es die Gegebenheiten in Santo Domingo de la Calzada zulassen.
  2. Ich beschließe, die Isomatten und ein bisschen von meinem anderen Zeug nach Deutschland zu schicken. T. ist dabei, will auch ein bissl Zeug loswerden.
Es ist so schön, ohne die Matten zu laufen! Und ich hoffe mal, dass wir sie nicht mehr brauchen werden. In Azofra haben wir festgestellt, dass wir bereits 200km geschafft haben! Ts gute Laune ist ansteckend und nachdem ich die ersten Entscheidungen, auch wenn sie nicht wirklich schwerwiegend waren, getroffen habe, geht’s mir noch besser. Langsam bekomme ich Hunger und T. braucht auch eine längere Pause, also beschließen wir, in Cirueña Mittagspause an irgendeinem schattigen Ort zu machen. Über einen Hügel rüber, an einem großen Golfplatz vorbei geht es an BMW, Mercedes und Audi des Golfclubs in den Ort, der ausschaut wie Legoland. Viele Häuser und Wohnungen sind „se vende“. Spanischer Immobilienboom! Der Dorfplatz ist schattig. Verena hat ihre Mittagspause schon hinter sich und geht relativ bald und der Rasenmähermann macht zwar Krach, aber dafür riecht es gut. Mittag: Ich teile den Rest von meinem Studentenfutter mit T., esse die anderen zwei Joghurts aus dem Viererpack, einen Muffin und zwei Äpfel. Geht’s uns gut!
Katrien kommt auch bald. Ihr linker Fuß tut etwas weh. Ausgeruht machen wir uns auf den Weg, noch 6km. Katrien tankt Wasser am Brunnen im alten Ortskern, nachdem der beim Lunchplatz nicht funktioniert hat. Wir haben bald wieder Abstand. Es geht bald wieder bergauf und oben gibt’s Gegenverkehr: eine blökende Schafherde! Im Hintergrund ist bereits Santo Domingo zu sehen. 

Der Weg ins Städtchen geht wieder mal durch ein kleines Industriegebiet. Die Herberge erreichen wir kurz später. Gegenüber ist, wie die Dame aus Ventosa bereits gesagt hat, ein Waschsalon. Zum Einchecken in die Herberge müssen wir erstmal anstehen und die Dame am Empfang kapiert erstmal nicht, dass wir zu dritt sind, weil Katrien gerade auf dem Klo ist. Wir bekommen Betten zugewiesen und belegen sie mit Kleinzeug. Dann packen T. und ich die Sachen, die wir trocknen wollen und gehen in den Waschsalon, wo wir erstmal warten müssen. Zwei ältere Belgier sind auch da, hatten ihre frisch gewaschenen Sachen erst im Park auf eine Bank gelegt, sich dann aber entschlossen, sie doch trocknen zu lassen. Irgendwann sind beide Trockner fertig und wir befüllen einen davon. 30 Minuten warten. T. geht duschen, Katrien macht Siesta, ich räume ein bissl Zeug und schreibe Tagebuch, dann hole ich die warme Wäsche, stopfe sie in irgendwelche Tüten und räume im Schlafraum aus. Mittlerweile hat T. den Dänen und Eugene entdeckt. Ich gehe dann aber auch erstmal duschen, raus aus den Klamotten, Unterwäsche waschen, Sachen räumen, Haut und Füße versorgen. Von meiner Sonnenallergie jucken bisher Gott sei Dank nur die Ohrläppchen. Bin seit drei Tagen auch schon wieder auf Calcium und Loratadin. Dann räumen wir die Sachen, die wir verschicken wollen, zu den Isomatten in die Hüllen. Das Postamt hat nachmittags zu, öffnet aber morgens um 8:30, also beschließen wir, es morgen gemütlich angehen zu lassen. Bis 8:00 müssen wir auschecken und dann gehen wir eben noch frühstücken. Ich bringe die Matten wieder in die Herberge und auf der Straße kommt mir ein ziemlich angetrunkener Eugene mit einer Flasche Wein entgegen. Wir Mädels spazieren ein bissl durch die Stadt, probieren beim Bäcker ein paar Teilchen, holen Compeed in der Apotheke und wollen eigentlich in die berühmte Kirche mit Huhn und Hahn, lassen das dann aber, weil wir keine 3,50€ Eintritt zahlen wollen. Danach machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant, Katrien und ich wollen heute nicht mehr kochen. 1. Gang: Paella, 2. Gang: Hühnchenschnitzel paniert (mehr Panade als Hühnchen) mit Pommes (wieder ohne Soße), Nachtisch: Milchreis, Wasser und Wein. Und schließlich sitze ich noch in der Herberge und beobachte Leute, während ich Tagebuch schreibe. So, dann werde ich auch mal im hoffentlich wanzenfreien Schlafsack verschwinden.
(31km, 6h 45)

Dienstag, 26. April 2011

Logroño -> Ventosa: Crocs


Di, 26. April    Crocs                                                                                                20km, 6h
Nadia verabschiedet sich früh am Morgen. Wir machen uns auch fertig. Sébastien hat Bettwanzen erwischt. Nun wäscht er nochmal sein ganzes Zeug durch. Ich beschließe, den Weg in Crocs zu starten, weil es ja erstmal auf Beton und Asphalt aus der Stadt raus geht. T. läuft heute auch wieder mit. Katrien frühstückt in einem Hotel, T. und ich gehen weiter, wir haben noch keinen Hunger. Durch die Stadt, die nicht wirklich schön ist, geht’s Richtung Autobahn. Ein großer Supermarkt am Stadtrand öffnet erst um 9 Uhr, also gehen wir weiter Richtung Naherholungsgebiet La Grajera. Es tröpfelt ein wenig, aber richtig regnen tut es nie. Soll mir recht sein. Ich beschließe, die Crocs so lange zu tragen, bis der Weg zu schlecht für sie wird. La Grajera ist ganz schön mit dem See und dem Park drumherum, aber die nahe Autobahn hört man die ganze Zeit. Auf der Toilette im Park mache ich einen kurzen Stopp. Heute sind weniger Pilger unterwegs, finden wir. T. hat heute ihren Rucksack in die nächste Herberge vorausgeschickt. Ihren Füßen in Turnschuhen geht es gut. Nach einer halben Umrundung des Sees geht es aus dem Park heraus, wird hügeliger. Der ältere Südkoreaner kommt in Sicht, er geht sehr langsam. 

Blick zurück

Nach knapp 3 Stunden erreichen wir Navarrete. Endlich, ein offener Shop! Es gibt Joghurt, Kuchen, O-Saft und Schoki. Vor der Kirche machen wir es uns einigermaßen gemütlich. Ich esse endlich mein Müsli, das ich seit Beginn mit mir herumtrage, mit Joghurt in der Müslitüte, ein Stück Kuchen und meine restlichen Kekse. Nach einer halben Stunde wird der Wind zu kalt und wir brechen wieder auf. Kurzer Abstecher in die Kirche: zu viel Prunk. Ich trage noch immer meine Crocs und trage die Wanderstiefel mittlerweile in der Tüte aus dem Laden. In einer privaten Herberge holen wir uns noch einen Stempel. Dann geht’s wieder raus aus dem Ort, ein Stück an der Straße entlang, dann auf Feldwegen zwischen Weinfeldern bis zur Autobahn, der wir einige Kilometer folgen. Wir kommen gut voran und erreichen unser heutiges Etappenziel Ventosa um 13:30. Da an der Herberge steht, sie öffne erst um 14:00, setzen wir uns auf Bänke auf einen kleinen Platz, wo schon zwei andere Pilgerinnen sitzen: Emanuela aus Italien und Verena aus Darmstadt. Wir kommen ins Gespräch. Nach 20 Minuten sehe ich Katrien an der Herberge und renne sie holen, da sie mich anscheinend nicht gesehen hat. Kurz nach 2 gehen wir zu fünft in die Herberge und bekommen Platz in einem 10-Bett-Zimmer. Die Dame des Hauses spricht sogar deutsch und Ts Rucksack ist auch angekommen. Dann die übliche Routine: auspacken, duschen, waschen. Verena will morgen wahrscheinlich auch ihren Rucksack verschicken, T. auch noch mal, denn es wird eine Etappe mit über 30km. Abends kochen wir mit den Franzosen, nachdem wir schon Käse, Nüsse und Wein mit einigen Deutschen, die in Luzern leben und drei älteren Schwedinnen aus Göteborg geteilt haben. Es gibt Pasta und Gemüse, dazu Wein. Nach dem Essen gebe ich T. die Isomatten und Kleinkram, der morgen beim Rucksacktransport mitgeschickt wird. Dann geht’s ins Bett. Mit mp3 und gekipptem Fenster wird es eine traumlose Nacht.
(20km, 6h) 

unterwegs in Crocs

private Herberge in Ventosa

Montag, 25. April 2011

Torres del Rio -> Logroño: Asphalt



Ich träume schön. :o) Ich wache um 7:00 auf, weil die Dame unter mir sich bereits fertig macht und packt. Ich beobachte noch ein bissl die anderen Pilger, es ist aber noch zu dunkel. Ich mache mich schließlich fertig und mache dann Frühstück vor der Albergue mit Keksen, Apfel, Banane und Studentenfutter. Katrien und Nadia kommen dann auch bald. Um 8:30 brechen wir auf. Irgendwie ist der Weg heute von Start an anstrengend. Das Wetter ist okay, viel bedeckt, gut für die Sonnenallergie. Es geht hoch, es geht runter. Die Landschaft ist okay, aber ich nehme wenig wahr davon. Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir Viana, ein kleines Städtchen, na ja. Aber an der Kirche gibt es eine Bar, wo wir eine Stunde Mittagspause machen, Füße lüften, essen. Katrien und Nadia fällt auf, dass sie gestern in der Albergue gar nicht bezahlt haben. Weiter geht’s, wieder viel Asphalt, erstmal durch ein paar Gärtchen. Schließlich wieder auf einer Straße, in ein Naherholungsgebiet, wo heute dank Feiertag die Hölle los ist. So viele Autos, so viele Leute. Dahinter folgt ein Naturschutzgebiet, wo wir noch mal Pause machen und ich auf’s Klo gehe in einem Haus, von dem aus man Vögel beobachten kann. Ich hole den Pilgersprachführer raus und auf dem Weiterweg üben wir spanisch und ich spreche ein bisschen holländisch mit den anderen, was sehr lustig ist und wir bekommen ein bisschen den Weg rum. Asphalt, Steine, aua, aua, die Fußsohlen tun mir sehr weh. 
Viana

Logroño in der Ferne
Logroño liegt bereits in Sichtweite. Es geht noch mal abwärts an ein paar Häusern mit furchtbar kläffenden Kötern vorbei. Dafür bekommen wir am Wegesrand noch einen Stempel. Dann erreichen wir die Stadt und überqueren den Ebro und da wartet T. auf uns und leitet uns über gefühlte 5km weiter über Steine und Asphalt zu der privaten Herberge, wo sie eingecheckt hat. Nadia erkundet erstmal Bus und Bahn, da sie morgen ja von Bilbao zurück fliegt. Ich dusche und wasche meine Klamotten. Als Nadia wiederkommt, räumen wir unsere Rucksäcke aus und sortieren aus. Ich werde meine Sonnencreme und Arnikasalbe los und bekomme Klopapier. Aber ich hoffe, dass der Rucksack dann schon leichter ist. Die jungen Italiener kommen an (so wird das nix mit 50km pro Tag) und sogar Eugene hat es heute bis Logroño geschafft. Dann machen wir uns auf den Weg, die Stadt ein bissl zu erkunden und trinken Weißwein an der Kathedrale. Mirjam aus Dresden trifft dann auch auf uns. Zum Abendessen trennen wir uns. T. und ich irren ein bisschen durch die Stadt, Tapas wollen wir nicht essen. Schließlich landen wir in einem Restaurant, wo wir riesige Portionen bekommen, die noch nicht mal ich schaffe. Der Rotwein ist sehr gut. Wieder zurück in der Herberge ist alles voll. Ein junger Typ schläft ein, fängt an, zu schnarchen und das ganze Zimmer fängt an, zu lachen. Na, das kann ja heiter werden. Mp3 hilft wieder beim Schlafen. Mitten in der Nacht wache ich auf, weil es so warm ist und ich Durst habe. Da ich ja mal wieder im Stockbett oben schlafe, hangle ich nach meinem Rucksack und ziehe ihn nach oben. Puh! Dafür gibt’s dann geschätzte 800ml Wasser aus dem Trinksystem für mich.
(20,5km, 5h)



 

Sonntag, 24. April 2011

Estella -> Torres del Rio: Perseverance / Durchhaltevermögen



Die Ostermesse soll sehr schön gewesen sein. Wir wachen um 6:40 auf, die anderen waren alle sehr leise. Zum Frühstück gibt’s diesmal Cornflakes mit warmer (wäh!) Milch, das Brot ist schon alle. Draußen schüttet es, also ist wieder Poncho-Zeit. Um 8:00 brechen wir auf, verlassen Estella und laufen durch den Vorort Ayegui. Der Regen wird weniger und mir wird warm, also raus aus der Jacke. Wir passieren den berühmten Weinbrunnen von Bodegas Irache, aber es gibt keinen Wein. Vielleicht ist es zu früh, oder es gibt keinen, weil Ostersonntag ist. 

Schließlich hört der Regen ganz auf. Es geht durch hügeliges Land. In Azquete, 40 Einwohner, machen wir zweites Frühstück und Pipi-Pause. Hier treffen wir Pablito, 68 Jahre alt, der über den Dorfstempel verfügt. Als er mich aufstehen sieht, wird sein Blick mitleidig. Sieht er es mir an, dass meine linke Hüfte sich schwächer anfühlt als die rechte? Katrien muss noch auf’s Klo und er bedeutet uns, ihm zu folgen. Erstmal Pipi und Stempel, dann geht’s in seinen Garten zu einem Grabstein, wo auf beiden Seiten Kreuze sind und schließlich bekommen wir zwei Wanderstöcke und einen Einführungskurs in deren Benutzung. Nadia bekommt eine Riesen-Jakobsmuschel. Weiter geht’s. Ich höre ein bisschen mp3 und lerne, dass es eine Zeit gibt, aufzuschauen und nach vorne zu gucken, und eine Zeit, um auf den Boden zu gucken. Wir machen einen Kurzstopp bei einer improvisierten Bank, um die herum viele Obstschalen liegen. Noch mal Füße lüften, bevor es weiter geht nach Los Arcos. Die Füße, die Füße. Die Landschaft ist wunderschön, hügelig, abwechslungsreich, die Farben sind klasse. Als wir Los Arcos erreichen, fängt es an zu schauern. Wir holen uns einen Stempel in einer Herberge, dann geht’s in ein Restaurant, in den Keller. Aber es ist mir zu eng, ich muss raus. Die Klaustrophobie schlägt wieder richtig zu. Katrien und Nadia essen ein Menü, ich sitze an der Kirche und esse Kekse, Äpfel, Müsliriegel, lasse meinen Blick und die Gedanken schweifen.  T. meldet, sie sei in Logroño, heute führe kein Bus nach Torres del Rio. Ich berichte den Mädels und wir beschließen, heute trotzdem weiter zu gehen, entweder heute 29km oder morgen. Ich gehe schon mal vor. Der Schauer ist längst vorbei, die Sonne kommt raus. Ich habe meine Jacke an, weil ich inzwischen Sonnenallergie an den Armen habe. Am Ortsende sehe ich noch Eugene, Mijung und Francois in die Albergue einchecken. Der Weg ist okay, die Landschaft weiterhin toll, aber die 8km werden schon etwas lang. Ich laufe weiterhin mit dem Pilgerstab. Ob ich ihn brauche? Nein. Ja. Vielleicht. Katrien meint, der Weg gebe einem, was man brauche. Nadia, die uns ja nur ein Stück begleiten wird, meint, um diesen Weg zu gehen, brauche man eine Menge Durchhaltevermögen.
Sansol sehe ich die ganze Zeit auf einem Hügel vor mir liegen. Torres del Rio liegt dahinter versteckt. Endlich bin ich da und suche die von mir favorisierte Albergue auf. Aber: completo. Na gut, dann geht’s doch zurück zur anderen, ich bekomme die letzten 3 Plätze für uns. Und das mit meinem gebrochenen Spanisch! Im Schlafraum sehe ich den Dänen wieder. Er fragt, wie es mir geht. Nett! Ich gehe schnell auf’s Klo und duschen (beides nicht abschließbar), dann sind Katrien und Nadia auch schon da. Wäsche waschen, draußen sitzen. Nadia lädt mich zu einer Coke light ein. Das deutsche Mädel von gestern Abend (Mirjam) ist auch da. Der Däne macht ein Foto von Katrien und mir, Katrien am Blackberry und ich beim Tagebuchschreiben. Merkwürdig!
Abendessen gibt es in der Casa Lili. Vorher noch ein kurzer Austausch mit drei Franzosen, deren Rückflug schon am 19. Mai geht. Sie wollen so weit wie möglich gehen, auch wenn die Zeit knapp ist. Als Vorspeise gibt es Salat und Spargel, Hauptgericht ist ein dünnes Steak mit Pommes, Pudding zum Nachtisch. Der Wein ist sehr gut, wir haben wieder Spaß. Nadia probiert meine komische SD-Karte, bei ihr funktioniert sie. Also bin ich die schon mal los. Kurz nach 10 sind wir wieder in der Herberge, wo wir schnell in den Schlafsäcken verschwinden.
(29,5km, 9h)



Samstag, 23. April 2011

Puente la Reina ->Estella: Qualmende Füße


Die Nacht ist wieder anstrengend. Schnarcher von zwei Seiten und die laufende Lüftung als Dauergeräusch helfen da nicht so beim Schlafen.  Aufstehen um 6:30. T. entscheidet, mit dem Bus nach Estella zu fahren. Wir frühstücken im Hotel (Kaffee, O-Saft, Baguette mit Butter und Marmelade für 3,50€). Packen unsere Reste zusammen und brechen um 8:25 auf. T. bleibt zurück und muss noch zwei Stunden auf den Bus warten. Wir verlassen Puente la Reina über die bekannte Brücke, wo uns ein Pärchen entgegen kommt, von dem sie auch kaum laufen kann. Sie werden auch den Bus nehmen. T. berichtet später, sie wären wohl nach Pamplona zurückgefahren.  

Wir kommen gut voran. Es ist wider Erwarten schönes Wetter, teilweise jedoch sehr schwül. Nadia berichtet von der problematischen Regierungsbildung in Belgien und das dortige politische System. Wir passieren Mañeru und haben ein zweites Frühstück in Cirauqui an einer Bäckerei, wo ich mir einen Joghurt kaufe und noch ein paar Kekse und einen Müsliriegel verdrücke. Wir müssen alle aufs Klo, aber in der Bäckerei ist kein Öffentliches. Wir gehen weiter und fragen eine spanische Familie, die uns ein Restaurant zeigt, wo wir es mal versuchen können. Dort ist gerade die Putzdame zu Gange, der es recht peinlich ist, da sie die Toilette noch nicht geputzt hat. Uns ist das egal, besser als Busch. Erleichtert geht’s weiter. Die Landschaft ist schön und abwechslungsreich, Felder, Weinreben, Olivenbäume, Hügel. Die nahen Autobahn und Landstraße stören kaum, da wenig Verkehr ist. Meine Füße sind so warm, ich sehe quasi schon den Qualm aufsteigen. Ich hatte die Schuhe schon zum zweiten Frühstück ausgezogen, was eine Erleichterung war, aber kurz vor Lorca muss ich dann meine Socken wechseln, weil es nicht mehr geht. Danach fühlen sich meine Füße wie ausgewechselt an. Am Horizont türmen sich Gewitterwolken und es wird wieder schwüler. Kurz vor Villatuerte werde ich etwas panisch, weil ich mich nach meinen Erlebnissen vom letzten Jahr anscheinend vor Gewitter doch mehr fürchte als früher. In den Alpen wurden wir von einem Gewitter überrascht, als wir eine lange Gratwanderung machten. Natürlich hatten wir die Wolken gesehen und geahnt, dass es bald losgehen würde. Aber wann der erste Blitz einschlägt, war nicht klar. Und es gab keinen Weg abwärts. Aber wir hatten Glück. Es hätte auch ganz anders ausgehen können. Ich erzähle Katrien die Geschichte und dann geht’s wieder besser. 

Bei einem Abstieg Richtung Estella passiert dann etwas Merkwürdiges. Ich spüre meine Fußsohlen wieder, aber immerhin sind sie nicht so heiß, und plötzlich habe ich das Gefühl, angehoben zu werden. Meine Füße werden besser und ich kann wieder schneller laufen und spüre sie kaum. Kurz vor Estella treffe ich einen älteren Südkoreaner, von denen wirklich viele unterwegs sind, der mir von den Blasen an seinen Füßen erzählt und erleichtert ist, sich mit mir zu unterhalten zu können und seine Schmerzen vorübergehend zu vergessen. In Estella verabschiedet er sich gleich an der städtischen Herberge. Ich gehe noch ein Stück weiter und treffe T. an dem Platz, den sie mir via SMS geschrieben hat. Sie ist den Tränen nahe und überlegt noch immer, was sie tun soll. Ich weiß auch nicht, wie ich ihr helfen kann. Weil ich so Hunger habe, müssen meine Oreos jetzt dran glauben. Nadia und Katrien kommen auch an und Katrien und ich beschließen, die zwei Herbergen zu checken. Die städtische ist zwar ganz nett, aber die kirchliche, auf Spenden basierte macht einen viel besseren Eindruck. Wir gehen zurück zur Plaza de San Martin, wo Nadia T. schließlich überzeugt hat, ein paar Tage zu pausieren, den Bus zu nehmen und dann zu schauen, wie es weiter geht. Ich bin erleichtert. In Pamplona hatten wir eine Frau getroffen, die vor zwei Jahren den Camino Frances gelaufen ist und streckenweise wegen Krankheit den Bus nehmen musste und nun die nicht gelaufenen Strecken nachholt. Katrien trägt Ts Rucksack zur Albergue. Dort duschen wir, waschen Wäsche. Ich unterhalte mich länger mit T. und wir quatschen uns aus. Als es zu schauern anfängt, gehen wir in den Schlafsaal, wo heute auch Eugene, Mijung und Francois übernachten. Vor dem Essen, nach dem Schauer drehen wir noch eine kleine Runde durch die Stadt. T. kommt auch mit. Wir kaufen Postkarten und Briefmarken in einem Laden, wo es sogar meinen Reiseführer (in vier Sprachen) gibt. Weil wir denken, es gäbe schon um 19:30 Abendessen, sind wir dann wieder in der Herberge. Aber es ist noch nicht so weit, also helfen wir beim Dessertmachen und schnippeln Obst für den Obstsalat. Am Abendessen nehmen viele Leute teil und wir sitzen an einer langen Tafel vor der Herberge. Es ist richtig lustig. Neben mir sitzt ein blonder Däne, der mich fragt, ob ich immer so viel essen würde. Ich bejahe. Es gibt Nudeln mit Tomatensoße, Salat und Brot, natürlich Wasser und Wein. Ich bin sehr müde. Vor dem Nachtisch beten wir noch für Japan. Katrien und Nadia gehen noch in die Ostermesse, aber ich glaube, da wäre ich eingeschlafen. Ich packe noch meine Sachen zusammen und verschwinde dann im Schlafsack, wo ich noch ein bisschen mp3 höre.
(23km, 6h35) 

Freitag, 22. April 2011

Pamplona -> Puente la Reina: Karfreitag


 Die Nacht ist… naja, ich habe geschlafen, aber vielleicht immer so ein bis zwei Stunden am Stück. Es ist so warm! Die Matratze ist total durchgelegen. Aber ich habe überlebt und bin morgens sogar einigermaßen ausgeschlafen. Um 6:20 sind wir aufgestanden, machen uns fertig. Wir frühstücken Vollkornbaguette mit Butter und Käse. Um 8:15 starten wir. Es regnet, also trage ich den Poncho. Da ja Feiertag ist, ist wenig los auf den Straßen. Das Gehen ist anstrengend mit meinen schweren Stiefeln auf all den asphaltierten Straßen und Steinwegen. Auf solchen geht es aus Pamplona raus an der Universität vorbei bis nach Cizur Menor, wo ich erstmal den Poncho und die Jacke wieder ausziehe,
weil mir warm ist und es aufgehört hat, zu regnen. Ich laufe eine Weile mit Nadia und unterhalte mich gut. Nach dem Ort geht es auf guten Feldwegen weiter über hügeliges Land bis Zariquiegui. Danach folgt der Anstieg zum Alto del Perdón, nicht schlimm steil, aber nach dem Regen ist der Lehmboden etwas nass und die Schuhe werden mit jedem Schritt schwerer, weil immer mehr Lehm dran hängt. Wie die Realität ist, die ja auch immer an einem saugt...

Zwischenzeitlich habe ich noch mal kurz den Poncho an, aber der Regen war nur kurz. Auf der Höhe stehen die Metallpilger samt Esel und wir haben eine schöne Aussicht zurück auf Pamplona und vorwärts auf den Rest der Strecke. Der Abstieg wird als steil beschrieben, ich finde ihn aber nicht so schlimm. Wir finden eine windgeschützte Bank und machen Mittagspause. Ich zippe meine Hosenbeine ab und ziehe die Schuhe aus. Die Füße stelle ich auf ein Plastiktüte. Es gibt wieder Kekse und eine Birne. Vorbeiziehende Pilger grüßen und haben meist gute Laune. Bald kommen ein Vater und sein Sohn in schwarzen Ponchos, die aussehen wie bei Harry Potter und wir müssen lachen. Nach 35 Minuten wird es dann doch zu kalt und wir ziehen weiter. Kurz darauf bekommt der Poncho seinen nächsten Einsatz, denn es fängt wieder stärker an, zu regnen. Im nächsten Ort (Uterga) kehren wir in der Albergue mit Bar ein. Ich hole mir einen Stempel und Nadia braucht dringend einen Kaffee. Eugene ist auch da und hat viele Lacher auf seiner Seite, als er seinen Stempel zeigt. Die Nightingale bekommt auch einen. Weiter geht’s, noch drei Ortschaften, das werden wir wohl schaffen. In Obanos unterhalten wir uns mit einer Spanierin aus Barcelona, die bis Logroño laufen wird. Sie erzählt, dass man so 5 Tage zum Einlaufen braucht - sie hat den Camino bereits von León bis Santiago de Compostela absolviert – und dann ist alles gut. Also besteht noch Hoffnung für unsere schmerzenden Füße! Es ist unser vierter Tag, meine Fußsohlen habe ich zwar schon heute Morgen gespürt, aber es hat sich im Lauf des Tages nicht wesentlich verschlechtert. Meine linke Hüfte fühlt sich seit Uterga etwas merkwürdig instabil an. In Obanos sammeln wir Mineka ein, die in Pamplona nichts verschicken konnte, weil das Postamt wegen Feiertag schon zu hatte. Sie geht mit uns bis Puente la Reina, wo wir gleich am Ortsrand in die Albergue vom Hotel Jakue einchecken. Es ist ein Schlafraum mit 32 Betten in 4-Bett-Abteilen, die durch Reetvorhänge getrennt sind. Es gibt Massageduschen. Mineka füllt eine Waschmaschine und wir dürfen unser Zeug mitwaschen. Nadia lässt sich massieren. Wir machen Siesta. Ich höre mp3 und mache mein Handy an und gucke, was ich dort so drauf habe. Ich finde drei alte SMS von meiner Mutter, von denen ich vergessen hatte, dass ich sie gespeichert habe. Mir kommen die Tränen… 

 














T. schläft. Ihr geht’s nicht besonders, ihre Ferse wird immer schlimmer. Als sie aufwacht, kann sie kaum auftreten. Nadia, Katrien und ich gehen allein in den Ort, gucken uns ein wenig um und entscheiden dann, doch im Hotel zu essen (11€). Sehr leckere Paella und Salat als Vorspeise, Fisch mit Tomaten-Paprika-Soße und Brot als Hauptgang und Flan als Nachtisch. Dazu gibt’s Wasser und Wein und wir haben eine Menge Spaß. Katrien erzählt ihre Perspektive der ersten Nacht in Huntto. Wieder im Keller, wo die Albergue untergebracht ist, sagt T., es sei noch schlimmer geworden, sie wolle am Morgen entscheiden, ob und wie es mit ihr weitergehe.
(24km, 7h) 

Donnerstag, 21. April 2011

Zubiri -> Pamplona: Gründonnerstag


Unsanftes Wecken um 7:15. Ich bin relativ schnell fertig, warte wieder auf die anderen und rede mit Katrien über Ungeduld. Wir frühstücken Baguette und Käse in der Küche, ich trinke Kakao. Dann verbindet T. ihre Blasen noch mit Allevyn und als wir um 9:00 starten, sind wir mit Fernanda die Letzten. Die Putzfrau ist auch schon da und wartet ungeduldig. Es geht durch lichte Wälder am Fluss Arga entlang. Kurz hinter Larrasoaña treffen wir Team Santiago wieder. John erzählt, er habe von Dämonen geträumt. Ich glaube, ich habe bis jetzt noch gar nicht geträumt. Dabei sollen die ersten Träume auf dem Camino ein Zeichen dafür sein, was einen gerade am meisten beschäftigt. Der Weg geht weiter am Fluss entlang. Wir werden von sehr lauten spanischen Pfadfindern überholt. Ich höre unser erstes „Buen camino!“, witzigerweise von einem Fahrradfahrer, von denen heute eine ganze Menge unterwegs sind. Das Wetter ist aber auch ein Traum: die Sonne scheint, es ist wenig Wind. Bei Irotz machen wir Mittagspause hinter dem Ort auf einem schönen Picknickgelände. Peter aus Holland und Kenneth aus den USA, Bekanntschaften aus Huntto, laufen vorbei. Ein paar Spanier grillen, packen Salate und Geschirr aus. Nach Keksen, Äpfeln und 50 Minuten geht’s weiter. Wir unterqueren die Bundesstraße und dann geht’s bergauf. Schöne Aussicht, schöner Weg. T. muss anhalten und ihren rechten Fuß neu verbinden, die Blase an der Ferse ist größer geworden. Trotzdem beißt sie die Zähne zusammen und läuft weiter mit uns. In Villava holen wir uns einen Stempel und lassen Plätze in der Herberge in Pamplona reservieren, weil es dort in den letzten Tagen wohl recht voll war. Wir laufen durch Vororte bis Pamplona. Es ist komisch, wieder in einer Stadt zu sein. So hohe Gebäude, viel Verkehr, viele Leute, obwohl wir ja noch gar nicht so lange unterwegs sind.
















Trotzdem ist der Weg recht schön und ruhig gelegen. Wir kommen an der Stadtmauer entlang durch die Porta Francia in die Altstadt. In der Herberge treffen wir Nadia, eine Bekannte von Katrien, die bis Montag den Camino mit uns mitlaufen wird. Wir checken ein, gehen duschen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und spanischen Unverständlichkeiten räumen wir die Sachen aus der kaputten in die funktionierende Waschmaschine und machen eine kurze Tour durch die Altstadt. Schöne, nette Aussicht. Dann ist die Wäsche fertig und wir hängen sie im Hinterhof auf einen Wäscheständer. Katrien, Nadia und ich gehen zum El Corte Ingles, um unser Abendessen und Verpflegung für die nächsten Tage zu kaufen (also mehr Kekse und Äpfel für mich). Schließlich ist die nächsten Tage Ostern und die Geschäfte sind ja heute am Gründonnerstag schon fast alle zu. In der Herberge kochen wir gleich, denn es ist schon 19:45 und wir haben richtig Hunger. Es gibt Reis und Gemüse, sehr lecker, aber ein bisschen viel. Dann gehen wir noch mal in die Stadt zum Weintrinken, es ist echt nett. In der Stadt waren nachmittags Menschenmassen unterwegs, jetzt haben die sich etwas gelichtet.
(20,3km 5h20) 



 







Mittwoch, 20. April 2011

Roncesvalles -> Zubiri: wehe Füße



Die Nacht ist okay, aber so besonders habe ich nicht geschlafen. Die ersten rascheln und räumen schon um gefühlt 4:00. Ab 5:00 bin ich endgültig wach. Um 6:00 geht das Licht an, aber die gregorianischen Gesänge haben sie wohl vergessen. Anziehen, Zeug einräumen, auf die Anderen warten. Um 7:25 geht’s los. Inzwischen ist es hell. Und erstaunlicherweise bewegen wir uns nicht in Massen durch den Wald nach Roncesvalles. Im nächsten Ort, Auritz, gibt’s dann erstmal Frühstück (Pfirsichsaft, Baguette und Marmelade). Wir sitzen eine ganze Weile in der Bar. Ich bin verdammt müde. Es geht hoch, es geht runter. Landschaftlich könnten wir auch in Deutschland sein. Kurz vor Bizkarreta bin ich recht geschafft. Ich esse einen Müsliriegel und dann entscheiden wir, im Ort Pause zu machen. Wir finden nach Nachfrage den kleinen Supermarkt, wo ich mir Vollkornkekse und Äpfel kaufe. Wir gehen zu einem kleinen Spielplatz, setzen uns und essen. Beim Stiefel ausziehen habe ich ein bisschen Loslassschmerz. Wir bleiben eine ganze Weile sitzen und ruhen uns aus. 

Nach über einer Stunde gehen wir dann doch weiter, jetzt geht’s auch viel besser als vorher. Bald holen wir Team Santiago ein (die Amis, die wir schon in Huntto kennen gelernt haben), von dem July schon bis Bizkarreta mit uns gelaufen ist. Es folgen ein paar steile Aufstiege auf hartem Stein. Ich hole July ein und wir unterhalten uns ein bisschen. Die anderen zwei Mädels holen auf. Wir sehen Raupenkolonnen auf dem Weg. Es nieselt ein bisschen. Langsam merken wir die Füße wieder. Bis Zubiri ist es aber nicht mehr weit. Im Ort checken wir in die Albergue municipale ein, die recht einfach ist, 6 € kostet. Es sind 2 Räume voller Stockbetten. Duschen, WC und Küche liegen außerhalb in einem extra Gebäude. Duschen, Füße versorgen. T. hat nun auch Blasen. 

Albergue municipale in Zubiri
Dann holen wir im Supermarkt unser Abendessen, wir wollen selbst kochen. Katrien trinkt Wein in der Bar. Gegen 18:00 kochen und essen wir Nudeln mit Tomatensoße und Käse. Francois (ein französischer Anthropologe, der Studien über Camino-Pilger macht), Eugene, Mi-Jung und Ket-Chan (3 Koreaner) kochen dann. Mineka ist auch da, sie hat einen Rucksack in Roncesvalles gelassen und will morgen in Pamplona noch mehr wegschicken. Ich operiere zwei Blasen an einem ihrer Füße, an den anderen Fuß kommt ein Compeed (Anweisung einer älteren Pilgerin aus den USA, die mit ihrem Bruder unterwegs ist). Mal sehen, was der Vergleich am lebenden Objekt bringt. Eugene nennt mich seither "Nightingale".
Abends gehen wir noch in die Bar mit Eugene, Ket-Chan, Mi-Jung, Francois und Fernanda. Im Fernsehen übertragen sie Fußball übertragen: Real Madrid gegen FC Barcelona (spanische Liga).Wir trinken Wein und haben viel Spaß zusammen.
(22km, 5h45)

Dienstag, 19. April 2011

Huntto -> Roncesvalles: Wind, Wind, Wind


Der erste Teil der Nacht ist okay. Um 2:25 wache ich auf, weil mir heiß ist und mich was gebissen hat. Gebissen? Moment! Bettwanzen? Über die habe ich ja in der letzten Zeit einiges gelesen. Ich drehe das Kissen um. Verdammt! Da ist ein Käfer. Mittlerweile sind die anderen durch mein Geraschel auch wach. Ich stürme raus in den Aufenthaltsraum, hole die Bettwanzen-Broschüre, die da ausliegt, schaue rein. Aber mein Käfer, inzwischen verschwunden, ist größer und ovaler. Trotzdem schaffe ich meine Sachen raus, schüttle sie auch, mache T. klar, dass wir noch nicht aufstehen, hole meine Therm-a-Rest raus, gehe noch mal ins Bad, aufs Klo, nehme eine Aspirin, weil ich auch noch Kopfweh habe, hole Wasser zum Trinken. Von der Temperatur her ist es recht angenehm draußen, ab und zu eine Windbö, ich kann dann noch sehr gut schlafen. Wir stehen um halb 7 auf, machen uns fertig, packen. Sind erst kurz vor halb 8 beim Frühstück, viele sind da schon beim Aufbrechen. Die Schweizer sagen auf meine Beschreibung des Käfers hin, es handele sich um eine Assel. Okay, dann bin ich doch erstmal beruhigt. Zum Frühstück gibt es Baguette, Butter, Marmelade, Orangensaft. Ich nehme mir noch ein Butterbrot mit, habe ja nur noch einen Apfel und die Müsliriegel. Wir bezahlen und holen uns einen Stempel. Und dann geht’s erstmal bergauf. Das Wetter ist schön, die Sonne scheint. Wir laufen zu dritt, streckenweise jeder für sich, aber es ist schon recht viel los. Kurz nach Orisson laufen wir ausgesetzter und haben viel Gegenwind, der ganz schön pfeift. Katrien bietet mir Kumquats an, sie mag sie nicht. Ich habe noch nie welche gegessen und probiere, lecker! 
Virgen del Orisson
Es geht weiter bergauf, auf einer Asphaltstraße. Bei Virgen del Orisson sehen wir eine Japanerin, die mit zwei Rucksäcken unterwegs ist. Sie schlägt sich sehr tapfer bei dem Wind. Wir sehen sie noch öfter. Die Landschaft ist schön, einie Pyrenäen-Gipfel sind noch mit Schnee bedeckt. An einer Weggabelung mit Steinkreuz, wo wir die Straße verlassen, machen wir eine kurze Snackpause. Vorher haben wir noch Begleitung durch einen Helikopter, dessen Pilot wohl Fliegen und Landen bei Wind üben muss. T. erzählt von ihrer ersten Erkenntnis im doppelten Sinn: sie braucht mehr Standfestigkeit, um nicht so leicht umgeweht zu werden.
Weiter geht’s bergauf, bald erreichen und passieren wir die spanische Grenze. Kurz darauf machen wir einen Fotostopp beim Hinweisstein „Santiago de Compostela 765km“. Es geht durch einen lichten Laubwald, in dem mehrere Gruppen Mittagspause machen. Wir passieren eine Schutzhütte, die im Wind steht und machen kurz darauf selbst Mittagspause. Füße raus aus den Schuhen. Wir bewältigen danach den restlichen Aufstieg und entscheiden uns für die steile Abstiegsvariante. Um uns herum scheint es vor nicht allzu langer Zeit gebrannt zu haben. Runter geht’s, Belastung für die Knie, aber es könnte schlimmer sein. Schließlich haben wir es geschafft: das Kloster von Roncesvalles liegt vor uns. Wir bekommen Orientierungshilfe durch eine Dame aus dem Surinam, die uns den Weg weist. Im Kloster ist alles sehr organisiert. Viele Leute weisen uns ein: Schuhe hier hin, dort anstellen. Zettel ausfüllen, Stempel holen. Alles ist sehr neu. Die Schlafplätze sind Stockbetten in 4-Personen-Abteilen mit abschließbaren Schränken für die Rucksäcke. Kein Gewölbekeller mehr mit 120 Metallstockbetten. Wir duschen schnell, waschen Wäsche. Dann operiere ich eine doch recht groß gewordene Blase und lege einen Faden ein. Darauf kommt ein Comfeel. Katrien und die Frau, die über T. schläft beobachten mich begeistert. Im Ort gibt es zwei Restaurants, wir entscheiden, unser Pilgermenü im La Posada zu essen und bestellen vor. Dann genießen wir noch ein bisschen die Sonne.
Kloster Roncesvalles
Das Essen ist okay. 1. Gang: Nudeln mit Tomatensoße, 2. Gang: Fisch (in Fischform, was eigentlich nichts für T. ist, die sich dennoch tapfer schlägt) mit Pommes, Nachtisch: Danone Erdbeerjoghurt. Der Wein ist trinkbar, ich würde ihn mir aber nicht kaufen. Beim Essen sitzt Mineka mit am Tisch, die Japanerin mit den zwei Rucksäcken. Sie hat es tatsächlich geschafft. Mit an Bord sind ein Laptop (!), ein Fön und Kosmetika für ein Dreivierteljahr. Sie will bis Santiago de Compostela und evtl. auch noch Finisterre laufen. Katrien kennt eine ähnliche Geschichte einer Freundin, die vor 5 Jahren den Camino gelaufen ist und auch auf eine voll bepackte Japanerin gestoßen ist und sich mit der angefreundet hat. Die hat den Großteil ihrer Sachen dann nach SdC geschickt. Das will Mineka jetzt wohl auch machen. Nach dem Essen gehen Katrien und ich noch in der Messe und erhalten unseren Pilgersegen. Die Erkenntnis von heute: viel und starker Gegenwind. Wie im richtigen Leben, wo man oft gegen den Strom kämpfen muss, wenn man ein bisschen anders denkt. Das neue Mundstück vom Aquapack ist übrigens prima, hat zusätzlich noch einen Schraubverschluss als Rückflussstopp. Ich liege in meiner Koje und bin müde. Höre mp3 und blende so das Licht und die vielen Leute aus. Wecken ist morgen um 6 Uhr.
(20km, 7h)