Mittwoch, 25. Mai 2011

Santiago de Compostela -> Ulm: Abreise


Gemütlich ausschlafen bis kurz nach 8. Schön ruhig war’s. Nachts wieder Blähungen gehabt, morgens Durchfall. Ich dusche zur Abwechslung mal morgens und wasche mir gleich noch die Haare. Dann frühstücken wir und packen anschließend unsere Sachen. Ich schaffe es, meine Wanderschuhe und die Stiefel im Rucksack zu verstauen (dank der +10l, die ich nun zum ersten Mal benutze) und baue die Isomatten wieder außen an. Das Internet verheißt ein bisschen Gutes: der norddeutsche Flugraum gesperrt, der Süden, sogar Frankfurt, aber offen. Okay. Wir sitzen noch ein bisschen vor der Herberge rum. Die Jungs haben sich alle schon verabschiedet. Jörg zum Flughafen, die anderen zwei in die Stadt. Um halb 12 packen wir es dann auch mit Sack und Pack zum Busbahnhof, dann für 3€ zum Flughafen. Dort ist kein Flug gecancelt. Wir setzen uns an den Rand der Sitzgruppe und beobachten die Leute. Bald gesellen sich andere Pilger zu uns: Ilka aus Hamburg, die schnell bei AirBerlin anruft und erfährt, dass alle deutschen Flughäfen wieder offen seien. Prima. Ein älterer Herr, der in seinem Rucksack sieben (Käse-) Brüstchen verstaut hat. Drei andere Pilger, die den Camino del Norte gelaufen sind, der nach deren Erzählungen wirklich noch einsam zu sein scheint. Wir geben unsere Rucksäcke gemeinsam auf, als es soweit ist, und gehen durch den Sicherheitscheck. Im Duty-Free-Shop gibt’s nichts Besonderes. Der Flug hat eine halbe Stunde Verspätung, weil der Flieger so spät kommt. Wir sitzen hinten, die anderen vorn, so trennen sich unsere Wege. Der Flug ist okay, es gibt eine kleine Tüte Cracker. Ich will nichts Süßes mehr. Durch die Verspätung haben wir auf Malle nicht mehr so viel Umsteigzeit. T. kauft Cola und zwei vegetarische Sandwiches für viel Geld, ich bekomme eins ab. Überall sehen wir die typischen Malle-Touristen. Dann checken wir in den nächsten Flieger ein und heben bald wieder ab. Links geht die Sonne unter (viel schöner als in Finisterre), wir sitzen rechts. Da fliegt zumindest ein anderes Flugzeug parallel, was auch witzig ist (wenn auch erschreckend nah). Bordverpflegung hier: ein Käse-Sandwich. Das ist ganz lecker. Dann wird’s dunkel und ich höre ein bisschen mp3 und überlege, was ich morgen so machen werde: aufräumen, waschen, Schlafsack lüften, einkaufen fahren (Autofahren wird eine Herausforderung), Fotos gucken, bei Peugeot anrufen wegen Reifenwechsel. Ich freue mich auf mein Bett, neue Wäsche, die Waschmaschine.
Der Flieger landet pünktlich, unsere Rucksäcke haben die Reise unbeschadet überstanden und eine liebe Kollegin wartet, wie verabredet, auf uns und fährt uns zurück nach Ulm, in die Realität. Ich sehe es gelassen.

Dienstag, 24. Mai 2011

Finisterre -> Santiago de Compostela


Der Wecker klingelt um 9:00. Wir packen gemütlich, räumen das Zimmer und frühstücken in der Küche. Uns erreicht das Gerücht, in Island sei wieder ein Vulkan ausgebrochen und eine Aschewolke läge über Europa. Unser Flug geht morgen. Ich beschließe, vor der Busfahrt noch mal im Internet zu schauen. Dort steht, der Grímsvötn unterm Vatnajökull sei wieder ausgebrochen. Allerdings schon am Samstag. Mit ersten Flughafenschließungen sei ab Mittwoch zu rechnen. Da wollen wir ja ankommen. Okay, ändern können wir es eh nicht. Wir sitzen noch ein bisschen an der Bushaltestelle und beobachten die Leute, die, typisch deutsch, sich gleich vor den Bus drängen, als dieser einfährt. Zwei Fahrräder werden in den Gepäckraum geladen. Wir sind relativ die Letzten, die einsteigen, bekommen unten keinen Platz mehr, also sitzen wir wieder oben. Ich lege meinen mp3-Player an, schließe die Augen und verdränge die Fahrt und das Geschaukel, so gut es geht. In Santiago angekommen hängt sich Maria an uns, die mit uns in die Herberge will. Irgendwie verlieren wir sie auf dem Weg dorthin. In der Albergue Acuario angekommen (recht abgefahren, Räucherstäbchen, bunt, Tücher, aber angenehm, nicht schrill, leicht esoterisch) bekommen wir ein Stockbett im Abteil Fin de Terra. Hello Kitty hätte ich witziger gefunden. Wir laden unsere Sachen ab und trinken erstmal was mit Jörg, dem Radfahrer aus Solingen und es gesellen sich noch zwei andere Radler dazu, Jens und Jens aus Gera, der eine der Ex-Schwager vom anderen. Dann geht’s in die Stadt, 2km im Sonnenschein. Erstmal Kathedrale von innen besichtigen. Letzte Woche habe ich mich innerlich an diesem schrecklichen Tag dagegen gewehrt. Den Botafumeiro habe ich mir größer vorgestellt. Sonst ist es hier drinnen ganz okay. Wir treffen die junge Deutsche aus Rabanal, die gestern erst angekommen ist. Alle, mit denen wir über die Messe reden, waren enttäuscht, also beschließe ich, diese nicht zu besuchen. Ich habe ein bissl Kopfweh, vielleicht von der Sonne. Ich stelle mich noch an, um der Jakobsfigur am Altar die Hände aufzulegen und über den Kopf zu streichen. Dann sitzen wir noch ein paar Minuten und beobachten die Leute. Stille genießen kann man hier nicht, dazu ist zuviel los. Anschließend besuchen wir viele der tausend Souvenir-Geschäfte der Stadt. Ich kaufe eine kleine Magnet-Kachel, eine Kette und Ohrstecker mit Jakobsmuschel für die Taufe von Leonie am Sonntag. Wir machen uns auf zur Post und bekommen unsere Pakete wieder. Die packen wir an einer Mülltonne erstmal aus und gehen bepackt mit Isomatten und Día-Tüten mit Wanderstiefeln zurück zur Herberge, wobei T. auf dem Weg noch drei Tartas de Santiago mitnimmt. Dann sitzen wir noch mal ein paar Minuten vor der Herberge rum, trinken was. Ich checke im Internet noch mal die Lage zwecks Vulkan. So, wie es momentan aussieht, wird erstmal nur der Luftraum über Norddeutschland gesperrt. Wir gehen dann ins nahe gelegene Einkaufszentrum zu McDonalds essen. McPollo und Salat und Wasser, eine große Portion Pommes für uns beide. Danach gehen wir in den riesigen Supermarkt. Am letzten Tag kaufe ich mir endlich neue Kopfhörer, weil der Wackelkontakt bei dem alten immer schlimmer wird. Essen für früh und mittags, Wein zum Abschied für heute Abend, den wir vor der Herberge, wo mittlerweile eine Bank draußen steht, mit Jens, Jens und Jörg trinken. Ich nur einen Becher, weil ich ja nicht so fit bin und immer noch Kopfweh habe. Es ist sehr lustig mit dem einen Radler aus den „gebrauchten Bundesländern“ und den zweien aus den neuen. Warum heißt es: der Berg ruft, aber die Berg wacht? Jens und Jens haben gestern Nacht in Olveiroa in der Herberge oder Kneipe ein Feuer gelöscht. Der Wirt, der irgendwann kam, stand nur daneben und sah zu. Dubios. Mein Kommentar dazu: Der wird wahrscheinlich gedacht haben: „Scheiß Pilger!“ Die anderen lachen. Wir sitzen noch bis 23:30. Mir ist kalt, wir gehen dann ins Bett. Eine letzte Nacht im Schlafsack – hoffentlich.

Montag, 23. Mai 2011

Finisterre - Tag 2: Abschied


Die Nacht war eine komplette Katastrophe. Ich habe sehr wenig geschlafen, immer wieder Durchfall und Druck auf dem Magen, aber keinen Brechreiz. Beim Aufstoßen schmecke ich das Essen von gestern Abend. Es ist der Tag von Katriens Abreise, sie packt ihr ganzes Zeug zusammen und geht dann mit Eugene frühstücken, will dann noch an den Strand, Muscheln sammeln. Ich packe meine Sachen langsam, mir geht’s recht bescheiden. T. schreibt, sie sitzt am Hafen. Auf dem Weg dorthin organisiere ich die Dame, die die Pension mit Doppelzimmer und Küche betreibt, in der Verena und Nicky untergebracht sind und in die wir wechseln wollen. T. sammeln wir am Hafen ein. Wir bekommen ein Zimmer im 1. OG neben dem Bad, allerdings hat es nur ein Fenster zu einem kleinen Lichthof und da wir in der unteren Etage davon sind, ist es entsprechend dunkel und kalt. Naja, für eine Nacht wird’s schon gehen. T. besorgt mir im nahe gelegenen Supermarkt Lindenblütentee und eine neue Flasche Wasser. Der Druck auf meinem Magen ist schlimmer geworden. Wir machen mir gleich noch eine Tasse Tee und weil wir bis zu Verabschiedung noch Zeit haben, auch noch eine zweite. Die Wärme im Bauch beruhigt erstmal, doch dann kommt endlich der Brechreiz. Auf dem Klo kotze ich erstmal gute 2 Liter inklusive den Resten vom gestrigen Abendessen und dann ist der Druck erstmal weg und ich fühle mich gleich ein bisschen besser. Ich trinke den Rest vom Tee aus und wir machen uns auf den Weg zur Bushaltestelle. Katrien, Eugene, Verena und Nicky sitzen in einer Bar gegenüber, Katrien präsentiert stolz eine Tüte voll gesammelter Muscheln. Dann kommt der Bus und es geht ans Verabschieden. Ich mag das nicht. Ich erblicke Mirjam, die just in diesem Moment in Finisterre ankommt und sich auch gleich noch mit verabschieden kann. Toll, dass sie es rechtzeitig geschafft hat. 
Eugene und ich heulen. Es dauert eine Weile, bis der Bus abfährt. Und dann sind Katrien und Nicky weg. Ich bin froh, dass es Facebook gibt! Ich will mich noch ein bissl hinlegen, also gehe ich zurück Richtung Pension, laufe mit Eugene, mit dem ich noch kurz im Supermarkt einfalle, wo ich mir ein Babygläschen und ein Kas Orange hole, worauf ich Appetit habe. Irgendwann verliere ich Eugene aus den Augen, will mich aber auch hinlegen und gehe dann, ohne mich zu verabschieden. In der Küche esse ich ein bisschen Brei und trinke was von dem Kas, wo ich vorher ein bisschen Kohlensäure rausgerührt habe. Vertrage beides gut. Dann schlafe ich ein bisschen. T. schaut kurz rein und wir verabreden, nachher noch zum Strand zu gehen, um auch noch Muscheln zu sammeln. Ich schlafe noch ein bisschen, bis der Wecker um 16:00 klingelt. Dann mache ich mich fertig, esse den Rest vom Gläschen und telefoniere auf Deutsch mit der Herberge in Santiago, wo wir morgen noch mal eine letzte Nacht in Spanien verbringen werden. 


T. kommt und wir gehen langsam zum Strand, ich fühle mich immer noch recht platt. Schuhe und Socken ausziehen, Hosenbeine hochkrempeln und seit Ewigkeiten wieder Sand unter den Füßen haben. Wir schlendern über den Strand und sammeln ein paar Muscheln. Ich finde es ganz schön anstrengend, da so rum zu laufen. Wir haben genug und kehren um. Am Strandbeginn wasche ich meine Füße und unterhalte mich mit einem Mountainbiker, der von St. Jean bis hierher 11 Tage gebraucht hat. Ich schicke ihn zur Tourist-Info in der Albergue der Xunta, damit er sich nach einem Hotel erkundigen kann. Langsam geht’s zurück in den Ort, zum Supermarkt und dann in die Pension. Zum Abendessen gibt’s für mich Tee und Kekse, Wassermelone, Banane. Lecker! Wir unterhalten uns über unsere Omas, Familien, ich erzähle von meinem Stiefvater. Danach gehen wir noch mal kurz raus, ich will eigentlich draußen Tagebuch schreiben, aber es ist schon wieder sehr windig und ich habe wieder ein bisschen Kopfweh. Also gehen wir wieder rein und sitzen noch ein bisschen in der Küche. Um kurz nach 9 gehe ich ins Bett, T. geht noch an den Strand an der Westküste, den nächsten Sonnenuntergang anschauen

Sonntag, 22. Mai 2011

Finisterre - Tag 1: Der letzte Tag zusammen


Wow, eine sehr gute Nacht, ich musste nur einmal raus und habe dann tatsächlich bis 9:40 geschlafen. Und zum Schluss hatte ich auch noch einen tollen Traum. Zu schön! Kein Wunder, dass ich so lange geschlafen habe…
Als ich aufwache, fühle ich mich ganz gut. Fieberfrei, auch nicht mehr so schwach. Katrien meint, sie wäre schon eine Weile wach. Ich habe sie nicht gehört. Ich frühstücke Skorpa, Joghurt, Karotten und Apfel. Dann ist es auch schon soweit, zum Bus zu gehen. Wir treffen Christine und Nicky, die sie zum Bus bringt. Der Bus kommt mit T., Christine verabschiedet sich. Wir checken T. in die Albergue unseres Hotels ein und gehen wieder zurück in den Ort, wo Katrien und Nicky in einer Bar sitzen. Anschließend gehen Katrien und ich ins Internetcafé. Noch mal ein kleiner Zwischenstopp im Hotel für Durchfall, dann gehen wir an den Strand und suchen Nicky, die sich schon in Wartestellung für die ankommenden Pilger stationiert hat. Wir sehen auch schon welche, einige davon kennen wir bereits. Der ältere Koreaner ist auch dabei. 


Am Ende des Strandes nach recht langem Weg finden wir Nicky in einer Bar mit gutem Ausblick auf den Weg und setzen uns zu ihr. Ich habe schon wieder Hunger, esse Skorpa, Banane, Eis und mache ein paar Fotos vom Strand. Heute ist das Wetter viel besser, klar, Sonnenschein, Wind. Nach einer Weile taucht Verena auf, ziemlich fertig, freut sich aber über Saft und Kekse und die Pause in der Bar. Eine halbe Stunde später kommt Eugene. Verena erzählt, dass Mirjam erst morgen in Finisterre eintreffen wird. Es ist toll, dass sie das geschafft haben! Wir sitzen noch eine Weile in der Bar, bevor wir wieder in den Ort aufbrechen. T. erzählt ein bisschen von ihren letzten Tagen, ich auch und von meinem Traum von letzter Nacht. Während Eugene sich in der Herberge fertig macht, relaxen wir ein bisschen. Katrien und ich treffen uns mit ihm um 17:30 am Bus-Stopp. Ich kaufe noch eine Postkarte und dann sitzen wir bis 19:00 in einer Bar und quatschen, treffen Roger und ein paar andere bekannte Gesichter wieder. T. kommt, dann auch Nicky und Verena und wir gehen am Hafen essen, stellen den Tisch in die Sonne, aber als die dann verschwindet, wird es im Wind schon kalt. Es gibt Pulpo, Paella, Schokokuchen. Maria, die komische Österreicherin aus Molinaseca ist auch dabei. Es ist sehr nett, aber irgendwann sehr kalt. Wir trennen uns. Ich gehe sofort zum Faro, die meisten wollen sich noch umziehen. Aber so kann ich hier nochmal ein wenig die Gedanken schweifen lassen. 


Dann Sonnenuntergang. Der ist zwar sehr schön, aber ich habe auch schon schönere gesehen. Katrien und Eugene weinen. Gegen den Wind geht’s dann den langen Weg zurück in den Ort. Ich bekomme Kopf- und Gliederschmerzen. Die anderen wollen noch was trinken gehen, ich bleibe im Hotel zurück, bin sehr müde. Duschen, Unterwäsche waschen. Als ich im Bett liege, ist mir schlecht.

Samstag, 21. Mai 2011

Negreira -> Finisterre: Ans Ende der Welt


Die Nacht war okay, ich musste nur einmal raus. Der dicke Schnarcher gab auch irgendwann Ruhe. Ich bin überrascht, wie spät die meisten die Herberge verlassen. Der Dicke ist als Letzter noch da und schnauft heftig, während er seinen Rucksack packt. Wie ist das erst, wenn er läuft? Ich mache mich dann auch auf und langsam fertig. Medi-Frühstück inklusive Ibu 400. Normales Frühstück: Pan integral mit Tomate und Käse, Saft, Birne, Banane. Dann Rest zusammenpacken und kurz nach 8 die Herberge verlassen, war schon eigenartig, die Herberge mal für sich zu haben. Der Bus ist noch nicht da, also lege ich meinen mp3-Player an, es läuft James Blunt „Stay the night“. Da kommt der Bus und im Radio läuft der gleiche Song. Witzig! Für die Fahrt nach Santiago zahle ich 2,20€. Da der Bus überpünktlich ist, wartet er noch ein bisschen. Kurz vor der Abfahrt kommt dann ein bekanntes Gesicht: Katrien steigt ein! Sie hatte mir gestern schon erzählt, dass ihr Bein weh tut und nachdem das heute Morgen auch noch so war, hat sie sich auch dafür entschieden, den Bus zu nehmen. Sie beschreibt den Camino als Hauptgericht, das sie selbst gemacht hat, und Finisterre als Nachspeise, die ihr nun jemand anderes zubereitet. Ich freue mich, so bin ich doch nicht ganz allein. Abfahrt. Es ist komisch, nach so langer Zeit wieder Geschwindigkeit zu erleben! Im Bus ist es sehr warm und die Straßen sehr kurvig. Bald wird uns sehr schlecht. In Santiago angekommen, schleppen wir uns aus dem Bus und müssen erstmal verschnaufen. Es hilft aber nichts, um 10Uhr geht’s weiter, nächster Bus, diesmal 12,25€ für die Fahrt nach Finisterre. Diesmal ein Doppelstockbus, der zwar besser belüftet ist, aber auch diese Straßen sind sehr kurvig. Katrien wird sehr bleich, ich schließe die Augen und lasse meine Gedanken wandern. Nach 2 Stunden und 45 Minuten sind wir da. Auch hier erstmal sitzen, durchatmen. Ich esse ein paar Kekse, was gut tut. Dann trinken wir in der nächsten Bar eine Kleinigkeit. Anschließend geht’s über die Straße in die öffentliche Herberge, die auch als Touri-Info fungiert. Dort bekommen wir einen Stadtplan. Wir haben uns schon entschieden, ein Doppelzimmer zu nehmen und es gibt drei Hotels, die dafür 25€ haben möchten, also 12,50€ pro Nase. Das ist sehr okay! Ich habe aus Negreira schon einen Flyer von einem dieser Hotels mitgenommen und das schauen wir uns als erstes an. Doppelzimmer mit Bad, nach hinten raus, nehmen wir! Ich dusche und wasche, esse Kekse und eine Banane. Dann wieder Durchfall. Ich muss lachen, weil mir einfällt, dass mein Camino mit Durchfall beginnt und aufhört. Bei Katrien ist es ähnlich, sie hat die Busfahrt von Bayonne nach St. Jean auch schon nicht vertragen. Ein bisschen ausruhen, dann laufen wir zum Leuchtturm, ans Ende von Ende der Welt. 




 











Auf der Asphaltstraße ist viel Verkehr. Leider ist es heute nicht so klar, also hält sich die Aussicht in Grenzen. Aber trotzdem finde ich, dass man auf den Felsen unterhalb vom Faro sitzend, ein bisschen Ruhe findet und seine Gedanken schweifen lassen kann. Ich merke, dass die Ibu nachlässt, also gehen wir zurück. Auf dem Weg reden wir über die Situation von Santiago. Ich bin froh, darüber zu sprechen und mit Katrien geht das sehr gut. Die letzten Meter zum Hotel gehe ich schneller, weil sich der nächste Durchfall ankündigt. Wieder ein bisschen ausruhen. Katrien isst derweil Chips, dann nehme ich eine ASS und wir gehen zum Hafen in den Ort und flanieren dort ein bisschen. Auf dem Weg zur Bank redet eine ältere Spanierin mit uns und erzählt Katrien ihre Lebensgeschichte. Sehr einsam. Ich hebe Geld ab und kaufe im Supermarkt mein Frühstück für morgen (und übermorgen) und noch Saft und Kekse, die wir morgen Mirjam, Verena und Eugene als letzte Stärkung für die letzten Meter mitgeben möchten. Anschließend gehen wir in ein Restaurant und in Ermangelung etwas Besserem (und Billigerem) entscheide ich mich doch für das Tagesmenü: Spaghetti bolognese, Paella, Tarta de Santiago. Christine, die gestern mit dem Bus von Santiago nach Negreira gefahren und dort gestartet ist, und Nicky und Martin aus Österreich setzen sich an den Nachbartisch und wir plaudern ein bisschen. Um 21:00 machen wir uns recht müde auf den Heimweg. Katrien surft noch ein bisschen im spanischen Fernsehen, während ich Maniküre mache. Dann noch ein bissl Tagebuch schreiben und Licht aus.

Freitag, 20. Mai 2011

Santiago de Compostela -> Negreira: Überheblichkeit ablegen


Neben dem Fieber bekomme ich nachts auch noch wässrigen Durchfall. Muss 4 oder 5mal raus und denke, wenn’s beim Weckerpiepsen immer noch so schlimm ist, höre ich auf. Der Wecker piepst um 6:15 und das Fieber ist weg. Der Bauch gibt Ruhe. Fühle mich logischerweise aber geschwächt. Aber ich will es probieren, also esse ich noch eine Banane, schließe ich die Tür hinter mir und stehe um 7:00 am Treffpunkt. Da Katrien und Eugene nicht auftauchen, gehe ich allein los, das hatten wir so ausgemacht. Zuerst geht’s ein bissl bergab in ein kleines Flusstal, bevor der Weg wieder ansteigt. Zurück bietet sich ein schöner Blick zurück auf Santiago mit Kathedrale, die Sonne spielt zwar nicht mit, aber warm genug ist es. Auf und ab geht’s durch Wälder über Stock und Stein und durch viele Ortschaften auf der Straße. Bei einer Anhöhe esse ich noch ein bissl Skorpa, aber ich will schnell weiter, weil die Xunta-Albergue nur wenig Betten hat und ich nach gestern zumindest heute ein wenig sparen will. Ich komme gut voran, auch wenn es sehr anstrengend ist. In einem kleinen Weiler gönne ich mir einen Orangensaft und treffe auf Jörg, einen Solinger Mountainbiker den ich schon öfter gesehen habe. Er ist mit einem Fahrradanhänger von daheim aus seit dem 18. April unterwegs. Weiter geht’s und ich merke, wie meine Kräfte nachlassen, traue mich aber nicht, noch mal Pause zu machen, aus Angst, keinen Platz mehr zu bekommen. Den älteren Südkoreaner, der läuft wie eine Maschine (wie fast alle Asiaten hier), überhole ich zum dritten und letzten Mal heute. Mir fällt auf, dass ich fast noch gar nicht über meine Überheblichkeit nachgedacht habe auf dem ganzen Weg. Schließlich mag ich diese Eigenschaft an mir nun gar nicht. Tja, war es überheblich, heute doch zu starten? Und dann auch noch so ein Tempo einzulegen? Aber das ist bei mir ja: ganz oder gar nicht. Während ich also immer müder werde, komme ich dem Ziel trotzdem immer näher. Als ich an einer Kreuzung in Negreira kurz hadere, stoppt ein Panaderia-Auto und die freundliche Fahrerin weist mir den Weg zur Herberge. So komme ich um 11:30 an und checke als Fünfte in die Herberge ein. 



Duschen, Wäsche waschen und dann Mittag essen: Rest Skorpa, Kekse, Banane. Für eine heiße Schokolade reicht leider mein Kleingeld nicht. Dann geht’s ab in den Schlafsack. Und etwas später ist es wieder da, das Fieber. Nun ist ganz klar: Ich werde abbrechen. Denn die nächsten zwei Etappen, beide über 30km, werde ich so nicht schaffen. Die jungen Endokarditis-Patienten schwirren noch immer im Hinterkopf, auch wenn die Erkältung doch tatsächlich etwas besser geworden ist. Ich will versuchen, morgen irgendwie mit dem Bus nach Finisterre zu kommen, muss nur gucken, ob ich das schaffe. Ansonsten muss ich zurück nach Santiago und dann am Sonntag mit T. zusammen fahren. Bei der Hospitalera erfahre ich den Standort des Gesundheitszentrums, das aber nur für Urgences offen ist. Bin ich ein Notfall? Ich glaube nicht. Und ich erfahre auch, wo ich was über die Busverbindungen herausfinden kann. Ich verabrede mich für 18:00 mit Katrien und Eugene. Zwischendurch bekomme ich auch wieder Durchfall. Vor dem Treffen schmeiße ich mir noch eine ASS 500 ein. Und bald darauf geht’s mir besser. Katrien, Eugene, Mirjam und Verena sind recht bestürzt, als ich sage, dass der Camino für mich vorbei ist, können es aber doch verstehen. Wir gehen bei Gadis einkaufen, wo es sogar Pan integral gibt. Das wird mein Frühstück morgen. Ich esse mit den anderen in deren Herberge und wir kaufen alles ein. Auf dem Weg zur Albergue machen wir noch einen kleinen Abstecher zur Bushaltestelle. Ich erfahre, dass es keine Direktverbindung nach Finisterre gibt, der Bus zurück nach Santiago 45 Minuten braucht und am gleichen Busbahnhof hält wie der Bus nach Finisterre. Der Bus fährt auch relativ häufig. Gut. In der Herberge helfe ich noch ein bisschen schnippeln und gönne mir dann noch mal 15 Minuten Internet. Mijung hat ihre Fotos online gestellt. Ich freue mich. Sonst gibt es nicht viel Neues. Ich schreibe noch meinen aktuellen Meldebericht und dann ist das Essen auch schon fertig: Nudeln mit vielerlei Gemüse und Käse. Das ganze für 2,50€ pro Person. Zum Nachtisch gibt’s Tiramisu. Alles sehr lecker. Ich helfe noch beim Abtrocknen, dann verabschieden wir uns. Ich sage, dass ich die anderen am Sonntag in Finisterre erwarte. Ich bin gespannt. T. hat auf meine SMS nicht geantwortet. Sie wird ihr Handy wieder ausgeschaltet haben. Naja, dann mache ich mein Ding eben allein. Der Heimweg klappt ganz gut, die Aspirin wirkt immer noch. Ich komme um 21:00 in der Herberge an und mache mich bettfertig. Der erste dicke Schnarcher in meinem 8-Bett-Zimmer ist schon beim Sägen. So langsam werde ich auch müde.
(22km, 4h30. Und das krank. Das kann ja nicht gesund sein...)

Donnerstag, 19. Mai 2011

Pedrouzo -> Santiago de Compostela: Was für ein Tag...


Ich schlafe schlecht. T. hat die Nacht im anderen, halb leeren Schlafsaal geschlafen, hat abends noch mit Claus eine Flasche Wein gekillt und hatte dann Angst, auf das schwankende Bett zu klettern. Viele stehen sehr früh auf, deswegen geht’s auch bei uns schon vor dem Weckerklingeln ans Fertigmachen. Wir starten um 6:50. T. gickert immer noch viel und erzählt, was gestern Abend noch so passiert ist. Aber das ist mir mit meinen trüben Gedanken zu viel. Es ist noch ziemlich dunkel und wir laufen durch ein paar Wälder. Claus und Roland sind auch schon auf der Strecke. Ich gehe bald voraus. Das Alleinlaufen tut heute ganz gut. Bald bin ich am Flugfeld von Santiago, das ein Stück umgangen werden muss. Ich bekomme Hunger und mache am Ortseingang von San Paio Pause. T. kommt auch bald und wir frühstücken Brot mit Butter und Käse, Saft, Banane. Dann geht’s zu zweit weiter an drei spanischen Mädels vorbei, die über’s iPhone Musik hören. Es läuft Destiny’s Child mit „Survivor“. Im Nachhinein betrachtet hätte ich mir dieses Omen noch mehr zu Herzen nehmen sollen… Im nächsten Ort muss T. noch mal nach ihren Füßen schauen und sagt, ich soll allein weitergehen. Also gut. Ein paar Dörfer weiter hole ich mir einen Stempel in einer Bar und gehe noch ganz dreist auf’s Klo. Es geht auf eine Hochebene an zwei Fernsehstationen vorbei, eine Weile geradeaus. In der Kurve am Ende wird eine junge südkoreanische Pilgerin, die mich etwas mit ihren Stöcken nervt, fast von einem rasant fahrenden Sportwagen überfahren. Ein wenig später erreiche ich Monte do Gozo, noch einen Stempel, eine Cola light und 6 Oreos an einem Kiosk vor der Kirche. Dann geht’s bergab an dem riesigen Pilgerdorf vorbei rein nach Santiago! 


An einer Ampel treffe ich Christine, Mirjam und Verena, die heute auch sehr früh gestartet sind. Sie singen eine Weile hinter mir und biegen dann an einer Herberge ab und checken ein. Ich will erstmal ans Ziel kommen. In den Waden und Füßen zwickt und zwackt es, aber es sind noch mal um die 20 Minuten bis zur Kathedrale durch die lebhaften Straßen Santiagos. Dann erreiche ich den Praza do Obradoiro endlich und da ist sie: die Kathedrale von Santiago de Compostela! Es ist 11:20. Ich treffe Meta, mache ein paar Fotos und setze mich dann der Kathedrale gegenüber und warte auf T., schreibe Katrien eine SMS. Mein Wunder passiert leider nicht. Gut, das habe ich ja irgendwie erwartet. Wunder geschehen nicht (oder selten), wenn man sie sich wünscht. Aber eigentlich macht das ja auch das Spannende am Leben aus. Man weiß nie, was kommt. Dann fällt mir auf, dass ich das eigentliche Wunder ja schon habe / hatte. Nämlich, dass mich jemand so mag, wie ich bin, so authentisch wie möglich, wie er mich kennen gelernt hat. Das ist auch okay, damit kann ich auch ganz gut leben. 

Mirjam taucht auf, scheinbar schon geduscht und Klamotten gewechselt. Und immer noch keine Spur von T. Über’s Handy ist sie wieder nicht erreichbar. Da, eine SMS! „Habe mit den Jungs eine Herberge gefunden, gehe dich jetzt suchen, bitte melde dich.“ Ich antworte ihr, wo ich bin. Katrien und Eugene kommen, erzählen von ihrer Herberge gleich um die Ecke (Roots & Boots), die jedoch über Mittag zu hat. Na gut, dann werde ich es eben später dort versuchen. Meine Stimmung ist auf einem Tiefpunkt, eigentlich will ich raus aus meinen Klamotten und duschen. Es ist warm und meine Klamotten kleben an mir. Nach zwei Stunden Wartezeit kommt dann auch T. und sagt erst mal nichts. Ich könnte heulen vor Wut und es kommen dann auch ein paar Tränen, als ich in der Warteschlange für die Compostela vor ihr stehe. So ein Scheiß-Tag. Irgendwer hat mich gefragt, ob ich in der 12Uhr-Messe war. Nein, ich habe ja gewartet. Ich erfahre, dass der Botafumeiro dort geschwungen wurde, weil irgendjemand Geld dafür gespendet hat. Sonst passiert das nur an Feiertagen. Na toll! Meine Stimmung sinkt weiter. Mit Sack und Pack stehe ich dann am Tresen, wo es eine Weile dauert, bis die Angestellten meinen Namen abgeändert und sich statt dem Hebräischen für einen auf Latein entschieden haben. Na gut, immerhin habe ich die Compostela bekommen.
In der Touri-Info holen wir einen Stadtplan und Infomaterial für den Weg nach Finisterre und Muxía. Die Öffnungszeiten der Hauptpost sind auch gut, so können wir unsere Sachen am Mittwoch holen.
Mein Blutzuckerspiegel ist wieder ziemlich niedrig. Ich habe Hunger, entscheide aber, kurz bei der Herberge vorbeizuschauen, damit ich weiß, wo ich später hin muss. An deren Tür steht: Rezeption geschlossen von 14 bis 16 Uhr - Es ist 14:05.
Ich will zurück zum Día, den ich auf den Hinweg in die Stadtmitte gesehen habe. T. sagt, sie will sich entschuldigen, weiß auch nicht, wie sie auf die Idee gekommen ist, ohne mich in die Herberge einzuchecken. Ich sage ihr, dass ich das scheiße finde. Der Weg zum Supermarkt zieht sich, hatte gedacht, der wäre näher, und hüllt sich in Schweigen. Was soll ich auch sagen? Endlich, der Día, Kekse, Cola light, Schokolade, Apfel. Dann wieder zurück zum Platz, wo wir wieder am galicischen Landtag sitzen und essen. Wenigstens der Hunger wird besser. Wir reden ein bisschen. T. sagt, sie habe Bockmist gebaut. Ich bejahe und sage, dass ich nicht weiß, welche Reaktion sie jetzt von mir erwarte. Ich lasse mich von meiner passiven Aggressivität hinreißen und sage, das passt zu meinem Leben. So eine Scheiße passiert da schon mal gern. Selbst Schuld, wenn ich mir zu viele Hoffnungen mache und so viele Erwartungen habe. Ich muss erstmal wieder runterkommen. 
Wir machen die Sonntag als Treffpunkt für Finisterre aus. T. weiß auch schon, wo der Busbahnhof ist. Dann ist es 15:40 und ich mache mich auf den Weg zur Herberge. Ich bin ziemlich fertig. Die Herberge ist leider completo. Na klasse. Die Dame an der Rezeption schickt mich zur nächsten Herberge weiter. Ich finde den Weg und die letzten drei Betten gehen vor meiner Nase weg. Der Herr von El Mundo bietet mir das Sofa im Eingangsbereich an, kostenlos. Aber nachdem das auch der Hauptaufenthaltsraum nebst Küche zu sein scheint, lehne ich ab. Draußen lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Was hat das zu bedeuten, wenn der Tag, an dem ich in Santiago de Compostela ankomme, so zum Desaster wird??? Heulend mache ich mich auf den Weg zur Touri-Info. Irgendwo wird’s doch ein Hostal für mich geben, wo ich nicht wieder 2km aus dem Stadtzentrum raus in die falsche Richtung muss. Mein Wasser trinke ich dann auch noch komplett aus. Vor der Dame im Touri-Büro breche ich wieder in Tränen aus, das ist mir voll peinlich, aber ich kann’s nicht ändern. Sie versucht, mich aufzumuntern und meint, wer weiß, wozu das alles gut ist (wie recht sie haben wird) und zeichnet mir ein paar Hostals im Stadtplan ein. Mir geht’s dann etwas besser und ich mache mich auf den Weg. Beim ersten Hostal kostet das Zimmer für eine Person 30€ (inklusive Frühstück, das ich ja nicht brauche), was mir ein bissl zu viel ist. Beim zweiten Hostal macht keiner auf. Dann habe ich doch noch Glück: Drittes Hostal, 25€ mit Badewanne und Klo auf dem Gang. Es scheint aber außer mir noch keiner da zu sein. Ich ziehe ein, dusche endlich und liege dann im Doppelbett und schreibe den ersten Teil Tagebuch. Um kurz vor 6 breche ich dann auf, weil ich mit Katrien vor der Kathedrale verabredet bin. Noch schnell das Zimmer bezahlen und um kurz nach 6 bin ich dann am Treffpunkt. Katrien sagt, sie säße mit ein paar anderen ein paar Meter weiter in einem Biergarten. Ich geselle mich zu ihr, Eugene, den zwei älteren Belgiern, dem Aussie und seiner Frau, Meta und dem einen Herrn aus Aachen. Ich bekomme ein Clara. Von Eugene bekomme ich ein Armband geschenkt, das mich beschützen soll. Um 19:00 machen wir uns zu dritt auf den Weg zum Supermarkt gleich bei mir gegenüber. Da es brütend heiß ist, gibt’s bei mir nur was Kaltes: Skorpa, Frischkäse und Karotten. Ich gehe zuerst noch mit zu Roots & Boots, aber bald wird’s da zu voll und zu warm und ich bin eh schon elendig müde. Also verabschiede ich mich und gehe zurück in mein Zimmer. In der Wohnung ist immer noch kein anderer da, das finde ich gut. Leider gibt der Fernseher nur spanische Sender her, also bleibt er aus. Langsam esse ich und fühle, dass ich Fieber bekomme. Na großartig. Ich liege im Bett und schreibe Tagebuch und als es zu dunkel wird, schließe ich innerlich schon mit dem Weg nach Finisterre ab.
(21km, 4h25)

Mittwoch, 18. Mai 2011

Ribadiso -> Pedrouzo: Übersinnliches


6:15, aufstehen, packen, starten. In Arzúa kaufen wir in einer Bäckerei ein halbes (noch warmes) Brot, ich hole mir noch Saft aus einem Automaten. Dermaßen versorgt können wir auf ein Desayuno in einer Bar verzichten. Ich habe recht diffus vom Camino geträumt. Ich zögere lange, ob es T. davon erzählen soll und entscheide mich am Ende dafür. Wir reden lange über meinen Traum und die (Un-)Wahrscheinlichkeit seiner Erfüllung. Wir unterhalten uns weiter über Telepathie, Gedankenübertragung, andere Träume, Déjà-vus, Schutzengel. So kommen wir einigermaßen gut voran. In einem Buswartehäuschen im Bau machen wir 50m vor einer Bar Frühstück und beobachten die vorbeiziehenden Pilgerscharen. Sind heute wieder viele alte Tagestouristen. Einer nach dem anderen läuft an uns vorbei. Es ist besser als im Fernsehen. Viele machen in der Bar oder einer der nächsten Pause, andere machen Pipi am Wegesrand und wieder andere überholen wir so beim Weitergehen. Bei km25 machen wir auch noch mal Cola- und Pipi-Pause. Der glatzköpfige Italiener läuft vorbei und grüßt. T. läuft heute recht gut, sagt, die Entscheidung, in Santiago Pause zu machen und am Sonntag mit dem Bus nach Finisterre zu fahren, ist genau die Richtige. Ich werde mit Katrien gehen, die heute in Santiago ankommen wird und morgen einen Tag Pause macht. Ich denke, Eugene wird wahrscheinlich auch mitkommen. Ihn hatten wir in Arzúa noch mal gesehen und er hat erzählt, dass er eventuell heute bis Santiago läuft, auf jeden Fall aber bis Monte do Gozo 4km vorher. Verrückt! 
Um 12:40 kommen wir in Pedrouzo an, kehren schnell im Supermarkt neben der Herberge ein und versorgen uns mit Mittagessen. Für mich: 2 Bananen, 1 Apfel, 2 Fruchtjoghurts und eine Milka Ha-Nu-Schni. Die Herberge macht erst um 13:00 auf und wir kommen ins Gespräch mit zwei Deutschen, die kürzere Etappen laufen und auch ein bisschen genervt sind von den vielen Leuten, die unterwegs sind. Das Einchecken dauert eine Weile. Aber nachdem die Herberge 120 Betten hat, haben wir ja Zeit. Bett beziehen, duschen, Beine rasieren, Gespräch mit einer Schweizerin, die den Camino zum zweiten Mal läuft und uns für morgen einen tollen Tag in Santiago wünscht. Dann Beine versorgen. Meine linke Achillessehne ist etwas geschwollen. Mittagessen. T. legt sich noch ein bissl hin und ich erkunde mal den Ort, Hauptstraße hoch und runter. Die Apotheke für T. später finde ich so auch schon mal. Dann sitze ich im windigen Schatten neben der Herberge und schreibe hier ein bisschen. Ich mache Siesta und denke über Erwartungshaltungen nach. Da kommt genau das richtige Lied zur richtigen Zeit: Snow Patrol und „Run“. Dann hole ich in der Apotheke neues Verbandsmaterial für T. und gemeinsam kaufen wir Sachen für Abendessen und Frühstück. Für mich gibt’s Tomaten-Karotten-Salat, Brot und Käse. Rotwein für 1€ die Flasche. Zufälligerweise sitzen wir dann draußen neben den zwei Deutschen, mit denen wir ja schon beim Einchecken gequatscht haben. So machen wir Bekanntschaft mit Roland aus Aachen, Finanzbeamter, und Claus aus Mannheim, Musiker für die Söhne, Barkeeper, Helfer in der Tierarztpraxis seiner Freundin, die er auf dem Camino kennen gelernt hat. T.lässt was über meinen Traum und meine Wünsche fallen und Claus fragt später nach. Ihm will ich das aber nicht erzählen. Martina ist vom Wein ziemlich angeschickert und gut drauf. Ich werde müde und bekomme Sehnsucht, gehe dann ins Bett.
(22km, 5h30)

Dienstag, 17. Mai 2011

Palas del Rei -> Ribadiso: Endzeitstimmung


Der Wecker klingelt um 6:15, die ersten waren aber schon um 4:50 auf. Warum? Wieder fertig machen, Routine wie jeden Morgen. Hügelig geht’s durch Wälder und Felder, wieder durch ein paar kleine Dörfer, ein bisschen wie auf der Alb. Wir frühstücken Kekse, Apfel, Joghurt und Saft auf einer Bank zwischen zwei Bars. Verena kommt vorbei. Ich überhole sie relativ schnell wieder. Hinter mir sind auch wieder Tagestouristen, zwei Männer und eine Frau, die furchtbar laut lacht. Das nervt mich dermaßen, dass ich sie erstmal überholen lasse. In einem Vorort vor Melide warte ich auf T., zusammen gehen wir weiter. Eigentlich wollten wir in Melide im Supermarkt einkaufen, aber alle Geschäfte haben zu. Später erfahren wir, dass heute Feiertag ist, wir wissen nur nicht, welcher. T. verbindet ihre Füße noch mal neu und wechselt Socken und wir beschließen, zusammen weiter zu laufen. Ich will nicht mehr allein weiterlaufen. Wir stellen fest, je näher wir Santiago de Compostela kommen, desto länger und lästiger wird alles drumherum: Leute (vor allem die Tagestouristen), die Einwohner Galiciens (die wenig grüßen, ich kann sie aber verstehen bei den vielen Pilgern). Wir werden auch immer langsamer. Auch ist der Gedanke, dass wir es bald geschafft haben, nicht mehr schlimm. Im Gegenteil sind wir froh, wenn wir den Jakobsweg abschließen können. Nicht, dass alles schlecht ist, weit gefehlt, aber wir denken öfter an Zuhause und die Dinge, die wir vermissen, für mich: der Kontakt zu meinen Freunden, Internet, Facebook, mein Auto (hätte ich nicht gedacht), anderes Essen... Heute Vormittag habe ich mir mal wieder Rechtfertigungen für mein Leben überlegt. Alles, was mich zu dem Standpunkt gebracht hat, auf dem ich jetzt stehe. T. wird in Santiago bleiben und den Bus nach Finisterre nehmen. Ich habe mich mit Katrien verabredet, die schon morgen in Santiago eintreffen wird. Ich will auf jeden Fall laufen.



Wir laufen recht langsam weiter und machen an der nächsten Bar in Boente Cola- und Pipi-Pause. Ich betrachte mich auf dem Klo im Spiegel. Habe ich wenigstens ein bisschen abgenommen? Ich hoffe und glaube es doch. Dann geht’s noch mal ein paar Käffer weiter. Hinter mir rückt ein älterer Pilger so nahe auf und will mich nicht überholen, dass ich ihm erstmal meine Meinung sage. Das kann ich ja absolut nicht leiden, wenn mich schnellere Leute nicht überholen, aber glauben, nicht mal 2m hinter mir laufen zu müssen. Es geht immer noch hügelauf, hügelab. In Ribadiso checken wir in die galicische Herberge ein. Sehr nett hier, ein neu hergerichtetes altes Gehöft. Duschen, Wäsche waschen, komische Flecken an meinen Beinen betrachten. Füße machen, rum liegen. Ach ja, mir wurde mal ein Bett unten zugewiesen! Welch neue Erfahrung. Über mir liegt der junge Typ von gestern Abend, der sich mit dem Iren unterhalten hat, der über T. liegt. Schön viel Platz hier und die Steine der Wand kann man auch als Haken benutzen. Ich gucke mir meine Fotos an. Wow, so viele! Bin gespannt, die auf dem Rechner zu sehen. Odel und Gewitter liegen in der Luft. Es blitzt und donnert in der Ferne, dann scheint sich das Gewitter zu verziehen. Meine Sonnenallergie wird wieder schlimmer. Ich schmiere Hydrocortison (David sei Dank!) und es bessert sich sofort. Zum Abendessen gehen wir gezwungenermaßen ins Restaurant nebenan. Es ist herrlich. Wir sitzen nebeneinander unter einem Dach und beobachten die Leute bzw. Pilger, die draußen sitzen und das Personal. Der Kellner scheint der Einzige zu sein, der Bestellungen aufnimmt. So dauert es eine Weile, bis wir bestellen können, weil er von einem Tisch zum nächsten saust und zwischendurch auch noch die Theke bedient. Drei Mädels decken die Tische im Eiltempo und bringen Essen und Getränke. Salat, Hähnchenbrustfilet mit Pommes, Tarta de Santiago. Der etwas ältere italienische Glatzkopf aus Ferreiros, der T. und mich an irgendwen erinnert, ist mit seiner Truppe auch wieder da. Christine, Mirjam und Verena essen mit einer hübschen Dänin. Um kurz nach 9 gehen wir dann ins Bett.
(26km, 6h40)

Montag, 16. Mai 2011

Ferreiros -> Palas del Rei: Begegnungen


Ich muss sagen, ich habe sehr gut geschlafen. Um 6:15 klingelt der Wecker, aber wir sind nicht die einzigen, die sich fertig machen, also müssen wir nicht allzu leise sein. Um 7:00 geht’s dann los, durch kleine Kuhkäffer über’s Land. Da, wo wohl Portomarin liegt, im Tal mit dem Stausee, hängt der Nebel. Wir frühstücken den Rest, den wir noch haben: 2 Scheiben Brot mit Marmelade für jeden. Ich esse noch meinen Apfel. Der Nebel steigt langsam auf und wir ins Tal ab. Die Brücke über den Fluss endet im Nebel, ein bisschen gruselig. Auf der anderen Seite liegt Portomarin, von einem Kreisverkehr führt eine Treppe nach oben in den Ort. Wir kehren im ersten Supermarkt ein und kaufen Mittagessen, Saft und ein sehr süßes Stückchen für mich. Eugene findet seinen Geldbeutel erst nach 5 Minuten Suche. Glück gehabt, nicht in der Herberge vergessen. 


Nach dem Ort geht’s über eine wacklige Metallbrücke, dann bergauf. Ich komme ins Gespräch mit Gérard, einem älteren Franzosen, der seit dem 18. April von Pau unterwegs ist. Es stellt sich heraus, dass er auch Krankenpfleger ist, ebenso wie seine Frau und seine Tochter. Zwei Stunden lang unterhalten wir uns prächtig (auf französisch, gar nicht so einfach, die Worte zu finden, nach denen ich suche) über den Beruf, Bezahlung, Blasen etc. Dann kommt die Bar in Gonzar und ich verabschiede mich von Gérard und warte noch mal ein paar Minuten auf T. Heute sind wahnsinnig viele Pilger unterwegs, viele mit Tagesgepäck und viele auch älter. Kurze Cola- und Pipi-Pause, bevor es zu kalt wird, dann weiter. Bergauf, bergab, durch ein paar kleine Käffer meist am Rand einer kleinen Straße. In Ligonde wird die gerade neu gemacht, es ist sehr staubig. Einen Ort weiter, Airexe, machen wir Mittagspause mit zwei Puddingtaschen, Apfel, Banane. T. hat wieder neue Blasen, ihre Füße tun sehr weh. Sie verbindet sie wieder neu und wir machen uns auf die letzten 8km. Wieder ein paar kleine Orte, dann irgendwann das Pilgerdorf am Rand von Palas del Rei. Heute soll’s aber wieder eine private Herberge sein, also stürme ich in den Ort, finde die Herberge und mache zwei Betten klar, belege meins und hole T. vom Ortsrand ab. Sie sagt, sie musste mal in Ruhe einen Schreier rauslassen, deswegen hat’s etwas gedauert. Ich kann sie verstehen. In der Herberge nimmt sie ihre Auszeit und sitzt in der Ecke. Sofort wird sie von einer Deutschen bemuttert. Duschen, Wäsche waschen, Fuß- und Hautpflege. T. wollte eventuell noch Outdoorsandalen kaufen, aber das miefige Geschäft hat nur unbequeme. Naja, dann muss es eben so bis Santiago gehen. Nach dem Einkaufen sitzen wir noch ein bisschen mit Verena, Mirjam und Christine auf dem Platz und quatschen. In der Herberge kocht gerade ein Ire auf der einen funktionierenden Herdplatte, deswegen müssen wir warten. An der Reihe stelle ich fest, dass diese Herdplatte auch nicht die schnellste ist. Trotzdem schmecken die Nudeln mit Tomatensoße gut. Am Nachbartisch unterhalten sich der Ire und zwei andere über Übersinnliches, die junge Frau berichtet unter anderem, sie habe als Jugendliche einen Traum gehabt, in dem sie in einem Zimmer geschwebt ist, in dem viele getrauert hätten, aber sie konnte nicht sagen, warum. Sie hat einem Freund von dem Traum erzählt. Monate später hatten ein paar andere Freunde einen schweren Autounfall, bei dem sie ums Leben gekommen sind. Der Freundeskreis hat sich versammelt und die junge Frau wusste sofort, dass das die Szene aus ihrem Traum war. Sie versicherte sich noch mal bei dem Freund, dem sie davon erzählt hatte, der ihr bestätigte, dass sie ihm das erzählt hat. Irgendwie gruselig.
Wir gehen nicht allzu spät ins Bett.
(34km, 8h)

Sonntag, 15. Mai 2011

Triacastela -> Ferreiros: mein Hass-Vormittag


Aufstehen um 6:15. Es ist dunkel und wir sind die ersten aus unserem Zimmer. Um 7:00 verlassen wir die Herberge und Triacastela. Durch Wälder und Täler geht es bergauf durch kleinere Orte wie San Xil. Landschaftlich ist alles sehr schön. Die Sonne scheint, aber es ist recht windig. Mir ist kalt, ich muss viel Nase putzen und husten. Und überhaupt kotzt es mich an, dass diese Scheiß-Erkältung immer noch nicht so richtig besser ist. Ich steigere mich rein, hyperventiliere und bekomme diesen jammernden Ton in meiner Stimme, den ich ja so gar nicht leiden kann und der mich in meinen Ohren klingen lässt wie eine 3jährige. Ich könnte schreien! Dann gehe ich auch noch in den Unterzucker und das nervt dann noch mal zusätzlich. Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber es klappt nicht so recht und ich grolle innerlich gegen mich. Es dauert eine Weile, dann haben wir einen Platz vor einer Kirche in einem kleinen Ort in der Sonne gefunden. Essen! Brot, Marmelade, Käse, Milchreis, Banane, Schokolade, Saft. Dann geht’s mir deutlich besser. 




Ich starte schon mal weiter durch Feld, Wald, Wiese, kleine Dörfer, bis ich Sarria erreiche. Dort warte ich auf T. Wir holen uns in einer Herberge einen Stempel und dürfen dort auch die Toilette benutzen. Eugene ist auch da, erzählt auf dem Weiterweg, heute auch bis Ferreiros zu laufen. In der nächsten kleinen Ortschaft holen wir gleich zwei Stempel und ich werfe die Postkarte ein, in Sarria habe ich keinen Briefkasten gesehen. Die Landschaft ist immer noch schön, hügelig, fast wie im Allgäu, nur die Häuser passen nicht so ganz. Eine halbe Stunde später machen wir noch mal kurz Cola-Pause. Dann ziehe ich weiter, fröhliche Gedanken im Kopf, passiere die 100km-Marke und erreiche Ferreiros um 14:45, bekomme das vorletzte Bett in der Herberge und kann für T. nicht reservieren, weil es ja eine Xunta-Herberge ist. Ich beziehe das Bett und will T. entgegenlaufen, da ist sie auch schon da. Das Paar, das vor ihr einchecken will, ist enttäuscht, dass es nur noch einen Platz gibt und geht in die Ausweichherberge im Restaurant. T. kann also einchecken, bezieht ihr Bett und kurz darauf geht ihre Bettnachbarin. Also wechsle ich die Betten und Eugene, der gerade ankommt, bekommt mein altes Bett. Also ist es doch noch ein ganz guter Tag. Wir sitzen eine Weile bei der Bar nebenan und quatschen. Später essen wir dort das Tagesmenü: Für mich gibt’s Reissalat, Pommes, Spiegeleier und Chorizo, zum Nachtisch Tarta de Santiago. Wir sitzen mit einem dickeren deutschen Paar am Tisch, die höchstens 20km am Tag gehen, unterhalten uns so lala. Der Wind wird immer kälter und viel gibt’s nicht mehr zu tun, also verschwinden wir um 21Uhr in die Schlafsäcke.
(31km, 7h45)

Samstag, 14. Mai 2011

La Faba -> Triacastela: Pilger(n) im Nebel


Die ersten stehen schon wieder um 5:30 auf. Eine knappe Stunde später dann auch wir. Ich vergesse fast meinen mp3-Player. Draußen ist es neblig, es weht ein kühler Wind. Um 7:20 machen wir uns auf die Socken. Bergan geht’s rein in den Nebel, es ist kein anderer unterwegs. Zumindest sehen (und hören) wir niemanden. In O Cebreiro, dem Museumsdorf, von dem wir aber nicht so viel sehen, machen wir Frühstückspause im Kirchenportal, damit wir wenigstens einigermaßen aus dem Wind und dem Nebel draußen sind. Wir sind trotzdem durchgefroren, bis wir mit dem Frühstück fertig sind. Wir wärmen uns kurz in einem Souvenirshop auf, dann geht’s weiter. Noch ein bisschen bergauf, dann bergab und wieder aufwärts zur zweiten Höhe des Tages, Alto de San Roque, wo ich auf dem Weg fast von einem Mountainbiker überfahren werde. Im Nebel stemmt sich auf der Höhe eine Pilgerfigur gegen den Wind. Wieder geht es eintönig im Nebel bergab. Noch einmal kurz bergauf zur letzten Anhöhe vor Santiago, Alto do Poio und dann wieder abwärts. Ermüdend! In Fonfria kehren wir deswegen in eine sehr nette Bar ein und gönnen uns heiße Schokolade und ein Stück Tarta de Santiago, Mandelkuchen, sehr lecker. Die Bar wird von einer potenten Frau im Alleingang geführt, die hin und her huscht. Langsam füllt es sich und wir gehen weiter, frisch gestärkt, flott bergab. Es wird steiler, aber nie problematisch, wie es im Buch steht und uns schon mehrfach berichtet wurde. 




Es klart endlich auf. Im Tal checken wir in Triacastela in den Complexo Xacobeo ein. Duschen, Nägel machen, eincremen, Siesta. Es zieht, mir ist kalt. Um kurz nach 5 drehen wir eine Runde durch den Ort. Ts Füßen geht’s wieder sehr schlecht, sie ist jetzt wieder schlecht drauf. Es ist so komisch, weil es ihr beim Laufen die ganze Zeit gut geht und erst, wenn wir angekommen sind, immer schlecht wird. Im Supermarkt treffen wir Mirjam, Verena, Christine und sogar Meta, die nach ihrem Ruhetag in León wieder aufgeholt hat. T. fängt beim Erzählen vor den anderen an zu heulen und ich bin echt geschockt, weil das nicht ihre Art ist, und weiß gar nicht, wie ich damit jetzt umgehen soll. Als ich sie später, als es ihr wieder gut geht, darauf anspreche, meint sie, der Ausbruch musste jetzt mal sein. Zurück in der Herberge sitzen wir im Garten in der Sonne und überlegen die verbleibende Streckenplanung. Zum Essen gibt’s Kartoffeln, Paprika, Tomate, 6 Eier und Weißwein. 
(26km, 6h35)

Freitag, 13. Mai 2011

Villafranca del Bierzo -> La Faba: Freitag, der 13., aber nicht schlimm


Von der Luft her war die Nacht gut, nach dem Regenschauer sehr erfrischend. Leider haben die ganzen Schnarcher im Zimmer sehr gestört. Der Wecker klingelt wieder um 6:15, dann stehen alle auf. Gedränge im Bad, voll nervig. Im Zimmer machen die älteren Koreaner gleich mal das Licht an und unterhalten sich laut. Alles schnell zusammenpacken, um 7:00 starten wir. Erst noch mal durch den verschlafenen Ort und dann weg von der Straße auf die Variante „Camino duro“. Der geht erstmal ein Stück steil den Berg hoch, dann wird’s ebener. Wir haben eine schöne Aussicht auf Villafranca und die Berge, während Nebel durch das Tal zieht. Voll super. Und ruhig. Ich wechsle den Akku von der Digicam. Am kargen Hang zieht sich der Weg entlang. An einer Stelle, wo ein asphaltierter Weg den Berg zu einer Wetterstation hochführt, frühstücken wir und genießen die Ruhe. Bis ein Auto den asphaltierten Weg runter fährt. Und dann die Pilger kommen: Mirjam (fast ohne Stimme), Christine, Verena (ohne Rucksack), Roger mit seinen drei Brasilianern und noch ein paar andere. Weiter geht’s, jetzt wieder ein bisschen abwärts durch einen Esskastanienwald, dann noch steiler bis ins Tal. 



 
Ich Trabadelo ziehe ich mich kurz um. Dann geht’s wieder auf Asphalt entlang der Straße weiter, über uns die Autobahn auf Stelzen. Wieder nerven Pilger mit Stöcken. Es geht durch ein paar Ortschaften. Am Himmel erscheinen dunkle Wolken, es grummelt. In Vega de Valcarce mache ich Cola-light- und Pipi-Pause, während es 8 Tropfen regnet. T. und ich beschließen, die volle Etappe bis La Faba zu gehen. Weiter an der Straße entlang, wo es aber relativ ruhig ist. In Las Herrerías spielt ein Mann auf einem Dudelsack. Auf der Straße nach La Faba überholt mich ein bestockter Junge, sagt „Bon Camino“, lacht mich aus (wahrscheinlich, weil ich wie immer knallrot im Gesicht bin, das ist normal!) und bietet mir einen Stock an. Auf Asphalt? Nicht wirklich! Außerdem laufe ich auch nicht wirklich langsam. Das Asphalt-Gelatsche nervt, also bin ich glücklich, als ein Fußweg nach La Faba abzweigt. Jetzt geht es endlich wieder über Erde und Stein, hoch den Berg durch den Wald. Genau meins! In La Faba suche ich erstmal die Herberge und irre durch den halben Ort. Als ich ankomme, ist T. schon da und kollabiert erstmal. Es geht ihr aber wieder besser, nachdem sie die Beine hochgelegt hat. Das Einchecken im „Schwaben-Haus“ in La Faba dauert ein bisschen. Mein schwäbisches Gedicht habe ich leider nicht gelernt. Sonst würde ich die Übernachtung umsonst bekommen. Dann essen wir erstmal, es gab ja noch kein Mittag. Kekse und Joghurt. Ich dusche, wasche Klamotten. Mirjam, Christine und Verena sind auch wieder hier, werden wahrscheinlich bis Santiago die gleiche Strecke wie wir laufen. Verena hat Muskelverhärtungen in der rechten Wade. Ich massiere sie und bekomme im Austausch ihr Ladegerät für das Handy.


Von T. bekomme ich eine neue Büroklammer für mein Buch, nachdem ich die alte irgendwo verloren habe. Ein bisschen ausruhen. Ich liege auf der Mauer im Halbschatten und höre mp3. Dann kommt ein Dudelsackspieler und spielt drei Stücke. Ich wecke T. und wir gehen eine Runde durch den kleinen Ort. In der Tienda holen wir unser Abendessen: Brot, Tomaten und Sojasprossen für mich, Bohnen für Martina, Wein für beide. Wir setzen uns noch in die kleine Kirche neben der Herberge. Ich bete wieder für alle, die ich gern habe. Neben mir ist wieder der Marienaltar. Ob die vielen Marien etwas zu bedeuten haben? Nun ja, Spanien ist halt sehr katholisch. Irgendwie fühle ich mich zu denen hingezogen. In León habe ich ja sogar unter einem Bild von Maria mit Baby Jesus im Arm geschlafen.
Dann gibt’s Abendessen draußen auf der Mauer. Danach gehe ich noch mal schnell in die Tienda und hole Nachtisch: Blätterteigröllchen mit Vanillepuddingfüllung und Schokoguss. Yummie! Verena gesellt sich noch kurz zu uns und wir plaudern, bis sie sich ins Bett verabschiedet. T. ist heute Vormittag eingefallen, dass eine Kollegin von uns heute heiratet. Daran habe ich nicht gedacht.
(25km, 7h25)

Donnerstag, 12. Mai 2011

Molinaseca -> Villafranca del Bierzo: Verlust


Um 6:15 endet mit dem Weckerläuten eine sehr heiße Nacht. Diesmal schlafen noch alle, also machen wir uns leise fertig. Der alte Österreicher verschwindet unterdessen auch. Um 7:15 geht’s am Straßenrand entlang bis Ponferrada, 5km entfernt. Die Sonne scheint wieder, das Lichtspiel ist schön, ansonsten ist es ein Gelatsche. In Ponferrada wirft T. meine Postkarten ein, während ich versuche, Geld abzuheben. Der Automat will aber nicht. Ein Stück aus dem Stadtkern mit Templerburg und –kirche raus stellt T. fest, dass sie einen ihrer guten treuen Turnschuhe verloren hat. Sie beschließt, auf das Wunder des Jakobswegs zu hoffen und trägt den zweiten Turnschuh bis zum Zielort, Villafranca del Bierzo, mit, vielleicht ist dort ja ein anderer Pilger mit ihrem Schuh. Bei der zweiten Bank klappt das Geldabheben glücklicherweise problemlos. Wir latschen aus der Stadt in einen Vorort und weil wir keinen besseren Platz finden, frühstücken wir am Fuße eines Denkmals. Viele Pilger schlappen vorbei. Es sind besonders dämliche Exemplare dabei, typische Touri-Pilger, die zum Beispiel die Garagenwand hinter uns und das Denkmal fotografieren „müssen“. „Ach, schau mal…“ würg! Blümchenpilger treffen wir heute auch. Und Martina und ich teilen Mordgelüste gegen eine Frau, die auf der Asphaltstraße mit ihren Scheiß-Stöcken läuft und uns mit dem Geklapper fast in den Wahnsinn treibt. Bald hat sie aber ihre Gruppe Touri-Pilger wieder getroffen, bevor es zu irgendwelchen Ausschreitungen kommen konnte. Ihr Glück! 



Ortschaft reiht sich an Ortschaft, während die Sonne weiterhin scheint und es immer heißer wird. Eine kurze Pause für Cola und Pipi, dann geht’s weiter. In einer Weinstube holen wir uns einen Stempel und sehen Roger und seine Gruppe heute schon zum dritten Mal. Dann ist die lange Reihe von Orten erstmal vorbei und eine Stunde geht’s durch Weinberge und Wäldchen. Dann am Ortseingang von Cacabelos ein Picknickplatz voller Pilger, unter anderem der Nürnberger mit einer Koreanerin. Der Ort zieht sich auch ewig. Kurz vor dem Ende setze ich mich an eine alte Weinpresse und mache Mittag mit Banane, Apfel, Snickers und Aprikosen. Meine Gedanken schweifen wieder ab. Hm. Weiter geht’s nach Pieros, dann gabelt sich der Weg und wir nehmen die Variante abseits der Straße, die uns durch Weinberge mit wunderschöner Aussicht führt. Leider ist es so drückend heiß, dass wir die Landschaft gar nicht richtig genießen können. Über Ponferrada und den dahinter liegenden Bergen braut sich ein dickes Gewitter zusammen, hier sind wir froh über jeden Windhauch.



Ziemlich geschafft erreichen wir gegen 15:00 Villafranca und checken in der städtischen Herberge bei einer sehr netten Hospitalera ein. Hier gibt es wieder Einmalbettlaken. Ich beziehe mein Bett, breite meinen Schlafsack aus, da sehe ich eine Bettwanze auf dem Bett krabbeln. Oh nein! Erstmal töten, dann packe ich meine gesamte Wäsche und fülle den Trockner. Ich erzähle der Hospitalera von der Wanze. Sie ist sehr freundlich und gibt mir einen großen Müllsack und ein flüssiges Insektizid. Das verdünne ich ein bissl und stelle den Rucksack in den Beutel mit dem Pestizid und verschließe diesen fest. Die Hospitalera meint, ich solle es mal mit ätherischen Ölen versuchen und damit dem Rucksack einreiben, also werde ich nachher was kaufen. Es donnert und blitzt über den Bergen, ab und zu weht eine Brise. T. hat schon geduscht, ich warte, bis der Trockner fertig ist, dann kann ich auch endlich aus den verschwitzten Klamotten raus. Duschen. Wohltat! Als ich fertig bin, holt sich eine Koreanerin in der nassen Dusche nebenan fast eine Commotio. Ich geselle mich zu T. und wir beobachten das Wetter. Irgendwann beschließe ich, dass ein Stunde Einwirkzeit rum ist und hole meinen Rucksack. Endlich eincremen und räumen, dann die Füße versorgen. Dann gehen wir in den Ort zur Apotheke (neue Kompressen und Bandagen für T., die inzwischen den zweiten Schuh weggeworfen hat und den Verlust erstaunlich locker sieht). Hier gibt’s kein Öl für mich. Dann durch das Städtchen zum Día einkaufen, mit leerem Magen. Es tröpfelt schon seit einer geraumen Zeit, stört aber nicht wirklich. Wir verputzen leckere Kuchenstückchen und öffnen die Tüte mit den Chips. Es hat seit unserer Ankunft bestimmt 10°C abgekühlt. Auf der Suche nach ätherischen Ölen landen wir zum Schluss in einem Krimskramsladen, wo es zumindest so was Ähnliches gibt. Ich kaufe Zitronenöl.
Wieder in der Herberge sind alle am Kochen. 8 Koreaner, der Nürnberger mit seiner neuen Freundin, der Aussie mit seiner Frau, die drei Italiener sind zumindest schon fertig. Gut, dass wir uns wieder für kalte Küche entschieden haben. Brot, Tomaten, Käse (sowie Schinken für T., die einen Heißhunger darauf hat), als Nachtisch Erdbeeren mit Joghurt. Mit Wein stoßen wir auf die heutige Unterschreitung der 200km-Marke bis Santiago de Compostela an. Ich esse dann noch Schokoriegel, irgendwie brauche ich die heute
So, jetzt ist es auch schon wieder halb 10, wird Zeit für den Schlafsack. Hoffentlich bettwanzenfrei, aber ich wüsste nicht, wie die Biester überlebt haben könnten. Gebissen worden bin ich wieder nicht, zumindest wüsste ich nicht, wo. Also dann werde ich mal die Füße hochlegen.
(30,5km, 7h45)

Mittwoch, 11. Mai 2011

Rabanal del Camino -> Molinaseca: Ein neues Leben?


Aufstehen um 6:30 mit den anderen. Die Nacht war warm, ich habe den Schlafsack nur als Decke benutzt. Das Fenster neben mir wurde mal auf, mal zu gemacht. Weil wir schlau sind, benutzen wir die Klos im EG und machen uns dort fertig. Oben wird derweil angestanden. Ts Schulter tut immer noch weh, sie weiß nicht, was sie tun soll. Ich übersetze für sie zwecks Physiotherapeut und Massage, Gepäcktransport etc., aber im Endeffekt will sie dann doch mit Gepäck laufen. Warum musste ich mich dann bemühen? Finde das etwas frustrierend. Um 7:15 starten wir. Es geht leicht bergan bis Foncebadon, noch sind nicht viele unterwegs. Der Ort ist halb verfallen, halb wiederhergerichtet. Weiter bergauf, während wir schon die Sonne im Rücken haben und es verspricht, ein heißer Tag zu werden, und ich laufe im T-Shirt. Ich denke an das Cruz de Ferro, das bald kommen wird, meine zwei Steine, die ich dort ablegen werde. Unterwegs kommt uns ein Mönch in brauner Kutte entgegen. Ich wünsche ihm einen „Bon Camino!“ und als er sieht, dass ich es ernst meine, sagt er „Bon vida! Gracias!“ Ein gutes Leben also. Ich fühle mich beschwingt und fliege den restlichen Weg. Wenige Pilger sind unterwegs, das ist gut, denn so habe ich ein paar Minuten Ruhe, als ich oben ankomme. Ich lege meine Steine ab und gehe in mich, bete für Stärke, Hoffnung, Liebe, dass ich das alles nicht verliere und durchhalte. An einer kleinen Kapelle, die neben dem Kreuz steht, danke ich allen Menschen in meinem Leben, den guten wie den schlechten, denn sie haben mich geprägt und zu der gemacht, die ich heute bin. Ich wünsche mir mehr Mut für T., die inzwischen auch angekommen und sehr emotional ist. Dann machen wir auf dem Picknickplatz gegenüber Frühstückspause (Baguette, Brie, Banane, Müsliriegel, Saft) und beobachten die Leute, die nach uns ankommen. Es werden immer mehr, eine Horde Radfahrer schleppt ihre Bikes bis ans Kreuz, sind sehr laut, was ich respektlos finde. Ich bin froh um die Stille, die ich hatte, und erleichtert, meine Last los zu sein. Wie wird es nun mit mir weitergehen? Ich bin gespannt.





Dann gehen wir weiter eingereiht im Pilgerstrom, hinter uns zwei Deutsche, die sich wie Beavis und Butthead benehmen, und erreichen nach einer halben Stunde Manjarin, das nächste Highlight des Tages. Ein verfallenes Dorf mit nur einem bewohnbaren Haus, in dem Tomás, der letzte Tempelritter wohnt. Ich hole mir einen Stempel und noch Postkarten, damit ich den letzten Leuten auch noch schreiben kann. Und hier gibt es endlich wieder schöne. T. wird von zwei Katzen beschmust, und als wir weiterlaufen, folgen ihr zwei junge Hunde durch Wiese und niedriges Buschwerk, das momentan in allen Lila-Tönen, gelb und weiß blüht, bis zu einem Imbiss-Stand in der Pampa. Es geht noch mal dezent bergauf, bevor der Pass erreicht ist und es einen Blick auf Ponferrada, der letzten großen Stadt vor Santiago, gibt. Dann geht’s steil bergab und alle Blümchenpilger um mich herum laufen auf der Straße, während ich endlich wieder Fels und Stein unter den Füßen habe. Weiter bergab kommt mir ein Reiter entgegen. Mittlerweile ist es ziemlich heiß, bestimmt noch mehr als gestern. 



Im ersten Dorf, El Acebo, mache ich Pause, treffe leider auch Beavis und Butthead wieder, die sich über die freundlich grüßenden Pilger lustig machen. T. ist auch bald da. In der Tienda gegenüber hole ich mir ein Kuchenstückchen mit Schokolade und Puddingfüllung, sehr lecker. Dann geht’s weiter bergab, teils auf der Straße, teils „steil und steinig“ wie im Buch beschrieben. Auf jeden Fall schattenlos und ich bin froh, als Molinaseca vor mir auftaucht, unser heutiges Etappenziel. Für heute reicht’s. Ich war wieder recht schnell unterwegs und vor mir laufen schon wieder Beavis und Butthead. Im Ort überhole ich sie auf einer Brücke. dann sehe ich in einer Bar Katrien, Eugene, den Typen aus Nürnberg und Vanessa. Freudiges Wiedersehen. Eugene hat seinen Stempel im Gästebuch von Manjarin hinterlassen, also wussten wir, dass sie vor uns waren, aber nicht genau, wie weit. Ich geselle mich zu ihnen und beschließe, auf T. zu warten und Beavis und Butthead gen Ponferrada ziehen zu lassen. Die anderen sind heute in Foncebadon gestartet und laufen auch noch weiter. Eugene ist ziemlich angetrunken von einem Schnaps, den er in der Bar gehabt hat. T. kommt an und zusammen machen wir uns auf Richtung Ortsausgang, wo wir in die städtische Herberge einchecken. Unten Kochstelle und Sanitäranlagen, oben Stockbetten und Matratzenlager wie auf einer Hütte. Bisher nur drei andere Leute da. Duschen, Wäsche waschen und unters Dach hängen, denn über den Bergen sind bedrohlich dunkle Wolken aufgezogen. Dann Füße machen und draußen hinhocken. Es grummelt im Hintergrund und hier fallen ein paar Tropfen, sonst passiert nicht viel. Dann gehen wir zurück in den Ort, einkaufen. Den Bankautomaten finden wir nicht, also bezahlt Martina den Einkauf, stolze 25€. Aber weil die Küche in der Herberge nicht so dolle ist und es eh noch brütend heiß ist, bleibt die Küche heute für uns kalt. Dafür kaufen wir eine halbe Wassermelone, die recht teuer ist. Wieder zurück in der Herberge genießen wir sie dafür umso mehr. Weil die private Herberge bald voll ist, trudeln immer mehr Leute ein. Wir beobachten ein älteres Paar, das mit Fahrrädern gekommen ist, und dann erstmal auf der Wiese auspackt: Zelt, Campingkocher, Isomatten, Klamotten und co. Der Hund des Herbergsvaters bettelt bei anderen Pilgern. Unser Wein ist sehr lecker. Zum Abendessen gibt es Brot, Butter, Tomate und Edamer. Am vordersten Tisch sitzen ein 19jähriger Ami, der Spanisch und mittelalterliche Geschichte studiert und seine Schwester, und zwei, etwas einfach gestrickte Deutsche, die ihm ein paar Sätze deutsch beibringen. Die Schwester geht bald ins Bett. Neben uns am Tisch sitzt ein alter Herr aus Österreich, der „nur deitsch“ spricht und seinem Wein gut zuspricht. Er hält mich für eine Tierärztin. Warum auch immer. Auch er geht, Gott sei Dank, bald ins Bett. Übrig bleibt die jüngere Österreicherin Maria an dem Tisch, die wir auch schon in Villar de Mazarife mit Mirjam, Verena und Christine gesehen haben. Sie ist psychisch dezent labil und schon mal 2004 einen Teil des Jakobsweges gelaufen. Ich bin recht müde, verschwinde auch bald im Bett und T. unterhält sich weiter und bekommt, ob sie will oder nicht, die Lebensgeschichte erzählt. Übrigens hat sie die jungen Hunde mit dem Taxi zurück nach Manjarin gebracht, die wohl noch weiter talwärts gelaufen waren. Und die junge Deutsche mit dem allergischen Ausschlag an den Füßen, also ihren Blasen, hat jetzt endlich aufgegeben und ist zum Arzt gefahren.
(26km, 6h45)

Dienstag, 10. Mai 2011

Santibañez de Valdeiglesias -> Rabanal del Camino: Ein schöner Tag


Der Wecker klingelt um 6:15, fast alle stehen auf. Schnell fertig machen, starten um 6:50. Es ist toll, mal keine anderen Pilger zu sehen. Es geht durch hügelige Landschaft, hinter uns geht die Sonne auf. Auf einer Hochebene taucht auf einmal eine Fata Morgana auf: vor einer Scheune steht ein kleiner Imbiss-Stand, auf einem Sofa an der Scheunenwand schläft ein Typ mit langen Haaren im Sitzen, eingewickelt in eine Decke. Er wacht auf, als wir uns nähern, begrüßt uns, voll nett. Es gibt einen Stempel und eine Banane für T. Dann gehen wir weiter und erreichen Astorga um 9:20. Höchste Zeit für die Frühstückspause, die wir vor der Kathedrale und dem Bischofspalast (entworfen von Gaudí) mit Keksen, Joghurt, Banane und Saft machen. 



Beim Verlassen der Stadt kaufen wir noch Oreos und Schokolade (zum Kochen, wie sich später herausstellt). Danach geht’s schattenlos leicht und kontinuierlich bergan, die Sonne knallt vom Himmel. Trotzdem ist es toll, zu laufen. In Santa Catalina sitzt Marie-Luise in der Bar und ich geselle mich zu ihr. Sie erzählt, heute müde zu sein, ist ja gestern 32km bis Astorga gelaufen. Ich trinke Cola light, nachdem ich auf dem Klo war. Martina ist inzwischen auch eingetroffen. Zwei Hunde betteln, was ich ja gar nicht leiden kann, also gehe ich schon mal weiter nach El Ganso und fühle mich innerlich richtig wohl und geliebt. Die Landschaft ist zwar karg, aber toll, viele Ausblicke auf die Montes de León, auf denen teilweise sogar noch Schnee liegt. 



In El Ganso setze ich mich in den schattigen Eingang der kleinen, alten Kirche und mache Mittagspause mit Keksen und Apfel. T. kommt auch bald und isst mit. Die 7,2km bis Rabanal del Camino fliege ich fast wieder. Es wird in einem mickrigen Wäldchen ein bissl steiler und ich nutze die Gelegenheit und überhole viele Pilger. Rabanal ist ein schönes Örtchen. Wir checken in der englischen Albergue Gaucelmo ein, in der es echt nett ist. Die zwei älteren Schwedinnen sind auch da. Der einen geht’s wieder gut, nachdem sich ihr entzündeter kleiner Zeh, den sie in Burgos hatte, wieder erholt hat und sie einige Etappen mit Bus und Bahn fahren musste. Die andere lief dann allein. Anstehen vorm Duschen, Füße machen, Wäsche waschen und dann im riesigen Garten chillen. Um kurz nach 5 machen wir einen Rundgang durch den Ort. Hier ist es wirklich schön, zwar gibt es auch hier viele Ruinen, aber die meisten Häuser sind schön hergerichtet. 
In der Tienda holen wir Essen und Getränke für abends und morgen, ein Eis für mich und Chips für T. Wir treffen Marie-Luise wieder, die es doch noch bis hierher geschafft hat und Annette aus München ist auch da. In der alten Kirche St. Ottilien, die sehr schlicht ist, finden wir Ruhe. Ich zünde eine Kerze an und denke an alle, die ich gern habe. Im Garten hören wir noch ein paar Minuten einer Katze beim Maunzen zu, dann ist es Zeit für’s Abendessen: Nudeln mit Erbsen, Mais, Champignons und Tomate. Eine kleine Knoblauchzehe finden wir auch noch. Dazu gibt’s Pfirsichsaft und danach Joghurt. Die Trinkschokolade schmeckt etwas merkwürdig, also lasse ich sie da. Weniger Gepäck. Ich massiere Ts Schulter, die ihr weh tut. Am Nachbartisch unterhält sich ein Engländer mit einer jungen Deutschen aus dem Allgäu, die in León gestartet ist, krank geworden ist, Blasen hat und Penicillin nehmen muss. Ich bekomme noch ein bisschen Wein und gebe dem Mädel später Nadel, Faden und Sterillium zum Blasenaufstechen. Es ist ein schöner, ruhiger Abend und wir sitzen noch ein bissl draußen.
(32km, 8h10) 

Montag, 9. Mai 2011

Villar de Mazarife -> Santibañez de Valdeiglesias: Headlight


Wie nett, dass die Dame unter mir das Fenster doch wieder weiter aufgemacht hat. Der Spalt hat ihr wohl nicht gereicht. Ich hoffe, ich habe nicht so im Zug gelegen. Mein Hals ist trocken, aber nachdem ich lange geschlafen habe, fühle ich mich eigentlich recht gut. Ich war zweimal auf dem Klo. Zum Schluss habe ich dann auch noch was geträumt: War irgendwie traurig.
Heute sind wir spät dran, können uns aber auch Zeit lassen. Die Koreanerin im Zimmer, die noch bei Dunkelheit aufgebrochen ist, hat ihre Stirnlampe vergessen. Ich glaube zwar nicht, dass wir sie noch mal sehen, aber ich stecke die Lampe trotzdem ein. Um 7:50 brechen wir auf. Schnurgerade geht’s auf einer ruhigen Landstraße. Wir unterhalten uns über Tachykardien. Dann geht’s über einen Feldweg ins nächste Dorf, wo wir Frühstückspause mit Baguette, Marmelade, Bananen und Keksen machen. Noch eine Stunde weiter und wir sind in Hospital de Órbigo, wo wir die Schuhe verschicken wollen. Da die Post aber erst um 13:00 aufmacht, haben wir anderthalb Stunden Mittagspause. Kleiner Einkauf im Supermarkt, dann chillen wir auf einer Parkbank. Dann Schuhe wegschicken, tschüss Wanderstiefel, Briefmarken kaufen, Postkarten einwerfen und weiter geht’s. 

Die Sonne scheint und es weht nur noch ein laues Lüftchen. Nach Villares de Órbigo wird die Landschaft wieder hügeliger. Die Montes de León haben wir morgens schon am Horizont liegen sehen. Dahin geht’s dann morgen. Wir treffen Marie-Luise auf dem Weg, die eine Blase versorgt und dann weiterläuft in Richtung Astorga. Heute machen wir erstmal Stopp in Santibañez de Valdeiglesias. Herberge 6€ + Abendessen 8€. 6-Bett-Zimmer mit Stahlstockbetten, zwei Französinnen schon da, recht eng. Duschen und Klos im Garten. Naja, dafür ist das ganz schön teuer. Nach einer kleinen Runde durch den Ort auf der Suche nach der Bar, weil ich Hunger habe, die wir aber nicht finden, geht’s zurück in die Albergue, wo ich mir einen Saft und eine Banane gönne. Sollte bis zum Abendessen reichen. Dann sitzen wir nach dem Duschen noch ein bissl im Garten. Vor dem Essen spielen wir noch zwei Runden Mensch-ärgere-dich-nicht und ich verliere haushoch. Am Nachbartisch hat eine von den nervigen jungen Deutschen aus León einen nässenden Ausschlag am Fuß. Sie meint, es wären Blasen und glaubt uns nicht, als wir sagen, es wäre eine entzündete Allergie, und läuft damit trotzdem weiter. Manchen Leuten kann man eben nicht helfen.
Hunger! Endlich ist es soweit und wir gehen zum Essen. Es gibt Risotto, Salat und Kartoffeln mit Hühnchen, Tortilla und das Brot ist auch mal Brot und kein Baguette. Und scheinbar gibt’s in Spanien auch Weinflaschen mit Schraubverschluss. Das Essen ist okay. Wir machen Bekanntschaft mit einem 75jährigen aus Illertissen, der pro Tag 30 bis 40km läuft. Sehr nett. Der Herr ist daheim auch sehr aktiv, erzählt von Bauvorhaben (Bad renovieren), Alpentouren, Eisklettern. Wahnsinn! Wir sind schwer beeindruckt. Nach dem Essen geht’s ins Bett. Die anderen folgen auch. Das Fenster bleibt zu und es wird eine sehr heiße Nacht.
(20km, 7h)