Sonntag, 30. September 2012

Sta. Cruz de Bezana –> Santillana del Mar: Der Plan



Ich muss nachts einmal raus, es ist 4:20. Als ich zurück ins Zimmer komme, begrüßt mich Mel mit „Guten Morgen!“. Ich sage ihr, dass sie noch weiter schlafen kann. 2 Stunden später klingelt dann der Handy-Wecker. Wir stehen auf, machen uns fertig und gehen. Die Straßen sind beleuchtet, so brauchen wir keine Stirnlampen. Auf Nebenstraßen geht es durch weitere Orte, immer mal wieder über die Bahngleise und schließlich über die verbotene Bahnbrücke nach Mogro. Der offizielle Weg wäre 7,5km länger. Die Regionalzüge in beide Richtungen sind gerade durch, so ist das Überqueren kein Problem. Hinter dem Bahnhof von Mogro treffen wir das dänische Ehepaar, das ich in Güemes kennen gelernt habe. Aha. Mich stört das irgendwie, dass andere Pilger mit Bus, Bahn oder Taxi fahren. Ich finde das irgendwie unehrlich, auch wenn das nicht das richtige Wort dafür ist. Ich habe mir ja selbst schon mal überlegt, die Bahn zu nehmen. Mittlerweile habe ich schon 300km zu Fuß zurückgelegt. Es geht bergauf und weil wir keine Bar finden, machen wir auf einer Mauer Frühstückspause. Es ist ein bisschen kühl. Das Milch-Saft-Gemisch, das ich gestern gekauft habe, schmeckt schrecklich, also entsorgen wir es. Auf der Straße geht es weiter an Häusern und Höfen vorbei. Das Meer ist auch wieder in Sichtweite und Mel gerät ganz aus dem Häuschen. 


Vor uns liegt sie große Chemiefabrik Solvay, der wir parallel zu ihren Abwasserrohren langsam näher kommen. Der Weg führt an unzähligen spanischen Bausünden vorbei, die teilweise alle schon wieder verfallen. Viele Hunde kläffen uns an. Ich bin irgendwie freudlos heute, meine Füße tun auch schon wieder weh. Blöd! Mel sagt, dass wir an der nächsten Bar Mittagspause machen, ich bin mehr als einverstanden. Bis dahin ist es aber noch ein Stück. Wir müssen noch mal die Bahn auf einer Brücke ähnlich Astorga überqueren. Dann sind wir in Requejada und die erste Bar ist unsere. Schuhe ausziehen. Mel sagt, vielleicht schränkt mich meine Zeitplanung zu sehr ein. Ich denke, sie hat Recht, ich habe da ja wirklich ein knackiges Programm. Ich wollte ja unbedingt nach Muxía, aber jetzt fühle ich nichts mehr, das mich dahin zieht. Vielleicht muss ich die vier Tage hinter Santiago de Compostela einfach aufgeben, damit ich mehr Zeit für den Norte habe. Die richtig langen Etappen kommen ja auch noch. Und Santiago kann ich mir ja auch mal genauer angucken. Das ist zumindest mal eine Option. Wofür mache ich mir auch einen Plan für den Camino, wenn es für das Leben auch keinen gibt?


Währenddessen, weil heute Sonntag ist, gibt es wieder ein Fahrradrennen auf der Hauptstraße. Hinter Solvay und dem Flüsschen geht es wieder auf eine Nebenstraße, wo wir die Orte wieder verlassen und an Höfen vorbeilaufen. Irgendwann tun die Füße wieder weh und wir setzen uns an den Straßenrand. Ich esse zwei Bananen. Den Rest des Weges schaffen wir dann aber auch noch und sind um 15:00 in Santillana del Mar. Hier ist es ein bisschen wie in Rothenburg ob der Tauber. Mel holt sich Kaffee und ich esse noch meine Schoko-Pudding-Tasche aus dem Frühstückspaket. Wir unterhalten uns mit deutschen Touristen, lüften unsere Füße und checken um 16:00 in die kleine Albergue ein. Duschen, waschen, Füße hochlegen, wie immer. Die Schweden kommen auch bald, auch sie haben ein Stück mit der Bahn zurückgelegt. Im Rückblick wäre das eigentlich auch keine dumme Idee gewesen…



Wir machen noch einen Bummel durch den Ort, schauen kurz in der Herberge vorbei, wo gerade vier englisch-sprechende Pilger einchecken, die nicht zurückgrüßen und sich über irgendwas beschweren. Wir haben Hunger, aber hier kann man den ganzen Tag Menu del Dia essen, so müssen wir nicht bis 20Uhr warten. Das Essen ist in Ordnung, der Wein auch. Wir quatschen über unsere Familien und Berufe. Dann gehen wir zurück in die Herberge und gehen schlafen. Der Erste schnarcht schon, dabei ist es noch nicht mal 21:00.
Schritte: 38.000

Samstag, 29. September 2012

Güemes –> Sta. Cruz de Bezana: nicht mehr allein



Mal wieder hatte ich mir den Wecker um 7:00 gestellt und war um 6:40 wach. Ich stehe auf und mache mich langsam und leise fertig. Einige andere sind auch schon am Packen. Frühstück gibt’s ab 7:30, ich esse ordentlich, frage Ernesto nach Adressen in Sta. Cruz de Bezana und mache mich als eine der Ersten auf den Weg. Auf der Straße geht’s nach Galizano und von dort etwas versteckt auf den Küstenweg. Der alte Spanier (78 Jahre) und ich gehen an zwei Bauzäunen vorbei, dann sind wir richtig. Es ist bedeckt und windig, bisher aber kein Regen. Ich gehe schneller als der Spanier, der jedoch immer in Sichtweite hinter mir läuft. Hier ist die Küste wild und steil, das Wetter passt auch dazu. Am Strand von Langre campieren einige Deutsche, von denen einer nett herübergrüßt. Eigentlich müsste ich ja schon wieder Pipi, aber es bietet sich mal wieder keine Gelegenheit. So ein Mist. Santander kommt auch langsam in Sicht. 


 
Der Küstenweg ist sehr schön, nach der Steilküste geht es auf dem Strand von Somo weiter Richtung Ort. Hier sind einige Leute unterwegs, Jogger, Surfer. An und zu muss ich über Priele steigen, was kein Problem ist. Der Ort kommt näher und ich laufe auf der Straße hindurch bis zum Fähranleger. Hier wartet schon der französische Übersetzer, der eine Straßenvariante gelaufen ist. Ich gehe noch schnell in einem Restaurant gegenüber auf die Toilette und dann ist die kleine Fähre schon da. Mit uns setzt auch eine Bande Motorradfahrer über, die viel Spaß zu haben scheint. Ich muss grinsen, weil ich an „Sons of Anarchy“ denken muss. Ich bin schon gespannt, denn heute will ich mich ja mit Melanie treffen, die ich im Forum kennen gelernt habe.
In Santander holen wir uns in der Touri-Info Stempel und Stadtplan, dann geht jeder seines Weges. Mittlerweile ist sogar die Sonne raus gekommen, aber es ist immer noch windig. Ich schaue mich ein bisschen um und warte dann auf dem Platz vor der Kathedrale, in die ich wegen einer Hochzeit nicht rein komme, auf Melanie. Ich esse noch eine Kleinigkeit, lasse die Schuhe aber an, weil Melanie gleich kommt. Wir begrüßen uns herzlich. Sie muss erstmal noch eine rauchen und Red Bull trinken. Wir erzählen ein bisschen, dann geht es los durch die belebte Stadt. Ist ja Samstag.


So langsam verlassen wir erst die Innenstadt, dann die Wohngebiete, dann Santander. Mittlerweile ist es wieder zugezogen, es nieselt ganz fein, während wir durch die Vororte weiter gen Westen laufen. Es tut gut, mal jemanden im gleichen Alter dabei zu haben. Bisher scheinen wir auf einer Wellenlänge zu liegen. Es fängt stärker an zu regnen, ich hole das erste Mal den Schirm raus, lasse die Regenhülle aber noch unten. Die Füße werden langsam wieder müde, sind ja aber auch schon wieder eine ganze Weile auf hartem Untergrund unterwegs. Mir ist heute nach einer Pension, Albergue gibt es ja keine, deswegen suchen wir die Hospidaje Nimón. Weil wir aber nur Ernestos Zeichnung haben, laufen wir erstmal einen Bogen über die Autobahn auf die andere Seite und müssen dann noch mal in der Shell-Tankstelle nachfragen. Von da ist es aber nicht mehr weit, wieder unter der Autobahn hindurch und kurz darauf sind wir da. Der Sohn der Bar-Besitzerin führt uns zu dem Wohnhaus, in dem die Hospidaje untergebracht ist und unterhält sich auf Englisch mit uns. Im 5. Stock bekommen wir ein schönes Zimmer für 15 Euro pro Person. Der Supermarkt ist gleich nebenan. Prima.
Wir setzen uns erstmal auf die Terrasse und essen etwas. 5 Minuten später fängt es an, richtig stark zu regnen. Glück gehabt!
Ich gehe dann duschen und Wäsche waschen. Anschließend gehen wir in den Supermarkt. Mittlerweile haben wir wohl Nachbarn bekommen und es regnet nicht mehr. Wir unterhalten uns über die anderen Pilger, die mir bisher über den Weg gelaufen sind.
Abends machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant, finden aber nichts Einladendes. Das eine Menu ist uns zu teuer (13Euro), also holen wir uns noch Verpflegung im Supermarkt und schmausen auf den Betten. Ist auch lustig.              
Schritte: 38.000

Freitag, 28. September 2012

Santoña –> Güemes: in die Oase



Ich schlafe schlecht. Meine Matratze quietscht bei jeder Bewegung und meine Mückenstiche jucken. Morgens sehe ich aus wie die nächste Plage, das kann ich nun aber auch nicht ändern. Ich wollte eigentlich um 7:00 aufstehen, aber schlafen kann ich eh nicht mehr, also mache ich mich langsam fertig und schleiche mich aus dem Schlafsaal. Irgendwo brummt irgendwas und in Santoña heult irgendwo eine Sirene. Ich frühstücke Spanisch plus Cornflakes und mache mich dann auf den Weg. Estelle sehe ich noch mal kurz, aber wir sagen nicht „good-bye“. Mal sehen, ob sie heute Abend in Güemes auftaucht. Erstmal muss ich aus Santoña raus. Während aus der Stadt immer wieder Sirenen hallen, laufe ich vorbei am großen Gefängniskomplex von El Dueso, wo ich an Prison Break denken muss. Dann mache ich mir die ersten Vorsätze für die Zeit nach dem Camino.
Hinter El Dueso erwartet mich Berria, ein kleiner, aber lang gezogener Badeort. Hier ist es eigentlich ganz schön. Die Straße zieht sich zwar, aber danach wird’s ein bisschen semialpin, als ich auf einem Pfad eine Felsnase umrunden muss. Das hier wäre mit den Crocs recht blöde geworden. So macht es Spaß. Oben habe ich eine tolle Aussicht zurück auf die Bucht von Berria, den Monte Buciero (den ich heute hätte umrunden können, aber das hätten meine Füße nicht geschafft, meine Tendinitis ist übrigens fort), Santoña und im Hintergrund noch ein bisschen Laredo. Vor mir liegt der ewig lange Strand von Noja, zu dem ich herab steige und auf dem ich dann langsam auf den Ort zuwandere. Weil es so warm ist, habe ich wieder von Jacke auf Bluse gewechselt. Die muss ich aber heute mal waschen. Ich muss eine Weile überlegen, bis mir wieder einfällt, wo ich das das letzte Mal gemacht habe: Zenarruza. Die Sonne kommt kurz raus, aber bald ist der Himmel wieder bedeckt. Am Strand zu laufen, ist herrlich, Camino del Norte par excellence. Es sind kaum andere Menschen unterwegs und den Füßen geht’s so auch gut. Ich kann ein bisschen Frieden finden.



In Noja hole ich mir einen Stempel und frage nach der Apotheke. Die finde ich erstmal nicht, dafür mal wieder einen Veterinario. Als ich noch mal eine Spanierin frage, versteht sie mich erstmal nicht, weil ich das Wort „farmacia“ falsch betone. In der Apotheke kaufe ich mir einen Juckreizminderer und treffe auf ein schwedisches Pärchen, das dann eine Weile hinter mir läuft. Ich muss aber bald wieder Pause machen, weil die Füße auf dem Asphalt müde werden. Neben einer Ermitage ist eine Sitzgruppe, ein guter Ort. Ich esse gleich noch mal, Hunger habe ich ja auch fast immer. Währenddessen ziehen die Schweden vorbei. Weiter geht’s durch Dörfer, fast immer auf Asphalt.
Viel denken tue ich eigentlich nicht. Bald treffe ich die Schweden wieder, laufe durch Bareyo mit ihnen und ziehe dann weg. Es geht auf einer Landstraße erst bergauf, dann bergab und schließlich auf einer kleineren Straße an vielen Höfen vorbei. An einer Ermitage muss ich mich noch mal hinsetzen. Da hält eine Frau mit ihrem Auto und fragt mich, ob ich müde sei (ja!) und ob sie mich zu Herberge fahren soll (nein, aber vielen Dank!). Gut 20 Minuten später bin ich an der Albergue Güemes, von der schon so viele geschwärmt haben. Außer mir sind erst 2 andere Deutsche, Krankenschwestern aus München, da. Ich bekomme gleich ein Glas Wasser von Paco, checke ein und sehe im Gästebuch, dass Gabi und Michael gestern hier waren. Paco zeigt mir das Anwesen und sagt, dass es gleich Essen gebe. Also ziehe ich nur die Schuhe aus und gehe zum Mittagessen. Es gibt eine Brotsuppe und danach sehr leckeres gemischtes Gemüse und paniertes Schnitzel. Dazu Wasser und Wein. Padre Ernesto ist auch dabei und erzählt von seinen Reisen. Ein spanisches Paar, das letzte Nacht auch in Santoña war und von dem Estelle erzählt hat, dass sie immer ein Taxi nehmen, kommt 10 Minuten nach mir an. Das geht aber auch nicht mit rechten Dingen zu… Nach dem Essen dusche ich dann aber erstmal und wasche meine Wäsche.


Ich versorge meine Füße und lege mich kurz hin. Währenddessen kommen immer mehr Pilger an. Bald stehe ich auf und gucke mir das tolle Anwesen an, sitze ein wenig im Meditationsraum, schreibe Tagebuch und übersetze dann für Paco. Markus ist mittlerweile auch hier. Mittlerweile sind wir 22 Pilger hier. Anschließend sitze ich vorm Kamin.
William, ein in Bilbao lebender Australier, bricht mit 2 Spaniern eine politische Diskussion an. Ich verstehe erstaunlich viel. Anschließend erzählt Ernesto in der Bibliothek einiges über den Weg, die Herberge und die morgige Etappe. William übersetzt ins Englische und ein Franzose ins Französische. Es ist zwar sehr interessant, aber ich werde langsam müde und auch wieder hungrig. Dann gibt’s auch endlich Essen, Nudelsuppe, Nudeln mit Tomaten-Thunfisch-Soße, Obst. Einfach, aber lecker. Neben mir sitzt ein frisch verheiratetes Paar aus Frankreich, die den Camino als Hochzeitsreise gehen. In Lille sind sie gestartet und hier haben sie sogar die Honeymoon-Suite (ein Doppelzimmer mit eigenem Bad) bekommen. Mir gegenüber sitzt William, auf der anderen Seite neben mir die deutschen Krankenschwestern, deren Camino morgen in Santander endet. Es gibt viele interessante Gespräche. Nach dem Essen ist es schon 22Uhr, ich bin müde und gehe schlafen.                         
Schritte: 35.000

Donnerstag, 27. September 2012

Islares –> Santoña



Ich glaube, die anderen haben abends noch mal reingeschaut und irgendwas gemurmelt. Ich war sehr müde und hatte den iPod drinnen. Geschlafen habe ich gut, war mehrfach wach und bin dann um 6:45 aufgestanden, habe mich leise fertig gemacht, gepackt und bin verschwunden. Am Ortsende muss ich aber meinen linken Schuh noch mal ausziehen, weil an der Ferse was drückt. Dort steht die Einlegesohle minimal ab. Ich richte es hin, dass es passt. Dann muss ich eine ganze Weile an der N-634 laufen, was zwar blöd ist zu der Uhrzeit, aber mit Stirnlampe kein Problem und viel Verkehr ist auch nicht gerade. Die Autobahnbrücke ist in Sicht und dahinter geht’s auf einer kleineren Straße bergauf. 


Bald komme ich durch ein Dorf, die Lampe brauche ich nun nicht mehr. Am Gehweg an der Kreisstraße geht’s weiter, dann durch ein paar andere Dörfer. Ich muss schon wieder aufs Klo, aber bei der einzigen Möglichkeit läuft gerade eine Mutter mit Buggy hinter mir. Also noch ein bisschen warten und weiterlaufen. Pipimachen in der Natur ist hier wirklich ein Problem… es gibt so viele Picknickstellen, aber fast nie Toiletten. An der Kirche von La Magdalena geht’s rechts weg, dann schlängelt sich die Straße durch Höfe und anschließend geht’s bergauf in den Wald. Und nun auch weg von Asphalt und Beton. Nach einigen Höhenmetern sehe ich meine Chance in einer Seitengasse. Weil mir jetzt so warm ist, gehe ich im Unterhemd weiter. Kein Mensch mehr weit und breit.Aber hier ist nichts und niemand, nicht mal Moos. Blöde Eukalyptuswälder. Eigentlich sollte ich durch einen Weiler laufen, aber als ich noch mal im Buch nachschaue, stelle ich fest, dass ich da nur dran vorbeilaufe. Und das bin ich dann schon. Der Wald lichtet sich und ich laufe durch Weideland weiter. Aber auch hier ist keine Möglichkeit. Ich muss auch langsam einen Platz fürs Frühstück suchen. Dann entdecke ich einen Sitzplatz. Ich esse ausgiebig (wie immer).
Währenddessen rauschen die Mountainbiker von gestern Abend vorbei, die ich schon völlig vergessen hatte. In der Ferne höre ich die A8, also komme ich der Zivilisation wieder näher. Es ist auch schon 11:00. Tatsächlich hört der Schotterweg bald auf und wird wieder zu einer Asphaltstraße, auf der es abwärts und unter der A8 hindurch nach Liendo geht. Am Ortseingang unterhalte ich mich kurz mit einem Schreiner, der mir auch wieder „Buen Suerte!“ wünscht. Ich hoffe es. Durch den Ort und an der Herberge vorbei geht es aufwärts und dann darf ich wieder auf der N-634 laufen. Das nervt. Bald geht es auf einer Seitenstraße steil bergab und wieder unter der A8 hindurch und dann hügelig weiter durch irgendwelche Weiler. Meine Füße tun weh, ich muss mich noch mal kurz setzen. Ist das wieder anstrengend heute! Und so warm. Das ist so hart. Wieso tue ich mir das an? Wieso höre ich nicht auf?
Und dann kommt ein Gedanke aus dem Nichts: eigentlich ist es ja ganz schön hier…


Auf der N-634 ist vorhin ein LKW vorbeigefahren, auf dem stand: Cantabria – Endurance. Wie wahr.
Nach einigen Minuten kann ich den ersten Blick auf die Bucht von Laredo erhaschen. Dahin geht’s  aber noch mal ein bisschen bergauf zu einem hässlichen runden Hochhaus und dann steil bergab in den Ort durch die Porta Bilbao. In der Altstadt ist einiges los, aber ich will ja weiter. Um 13:30 schließt die Touri-Info. Um 13:32 bin ich da. Naja. Egal. Meine Füße tun wieder sehr weh, also lege ich auf einer Bank an der Strandpromenade noch mal eine Pause ein, ziehe die Schuhe aus, esse. Hier ist kaum was los, aber darum bin ich ganz dankbar. In der Hochsaison muss es hier abgehen wie am Ballermann. Ein Pärchen ist total süß, sie versucht, Fahrrad zu fahren, kann es aber wohl nicht. Er will es ihr beibringen. Die beiden schätze ich so auf um die 60 Jahre alt.
Es hilft aber alles nichts, ich will ja noch weiter. Laredo deprimiert mich mit seinen Hotels und Wohnanlagen. Also Schuhe wieder an, Strandpromenade runter. Anfangs geht das noch gut, aber die Landzunge zieht sich 5km hin. Und die sind voller Hotels, Appartement-Blöcken und kleineren Häusern. Ich laufe einen Umweg zu „El Puntal“, weil ich zu früh links abbiege und so einen Kreis laufen muss. Ich bin am Ende… Am Ende der richtigen Straße habe ich dann die Panik, dass die Fähre vielleicht Mittagspause macht. Im Reiseführer steht davon nichts. Ich darf aber dafür in einem Restaurant auf die Toilette. Hier unterhalte ich mich dann auch wieder mit einer Spanierin, die mir auch wieder viel Erfolg wünscht. Dann gehe ich über den Dünenweg zur Fähre vor und stelle mich geistig schon auf 2h Wartezeit ein, als die Fähre dann glücklicherweise doch kommt und nur für mich nach Santoña fährt. 

 












Dann ist es noch mal eine Viertelstunde zu Fuß zur Jugendherberge. Die Empfangsdame lässt sich aber viel Zeit beim Einchecken und ich weiß gar nicht mehr, wie ich stehen soll und lehne mehr auf der Theke als daran. Als ich frisch geduscht und Füße verpflegt im Bett liege, kommt Estelle an. Sie ist heute aus Castro-Urdiales gekommen, allerdings die ganze Strecke an der N-634 gelaufen. Sie meint, sie muss ja eh in ein paar Tagen zurück nach Frankreich und sieht sich nicht mehr als Pilgerin. Wir unterhalten uns ein bisschen und verabreden uns zum Abendessen. Anschließend gehe ich noch mal in den Ort zum Supermarkt, mein süßes Stückchen habe ich mir heute wirklich verdient.
Abends ist in der Stadt an der Plaza richtig viel los. Wir bummeln eine Weile umher, bevor wir uns für ein Restaurant entscheiden, dass ein Menu de la Noche für 7 Euro anbietet. Eigentlich wollten wir ja Fisch essen, aber irgendwie haben wir da nichts Ansprechendes gefunden. Und das in der Stadt der Konservendosenfabriken! Estelle, ganz die Französin, sorgt dafür, dass wir eine ganze Karaffe Wein bekommen und dazu noch ein Glas Leitungswasser. Das Essen ist so lala. Gut, dass ich vorher noch was gegessen habe. Estelle hat noch Hunger und bestellt Käse zum Nachtisch. Bekommen tut sie aber Käsekuchen. Bei der Abrechnung wollen die Spanier auch noch mal um 50 Cent bescheißen, aber nicht mit Estelle! Es ist ein lustiger Abend und ich bin froh, dass ich nach diesem Tag noch Gesellschaft habe. Vergnügt wanken wir zurück in die Jugendherberge und gehen schlafen.                  
Schritte: 45.000

Mittwoch, 26. September 2012

La Arena –> Islares: A Cantabria



Wieso werde ich eigentlich ständig um 2:00 nachts wach? Komische Sache das.
Ich schlafe aber wieder ein, um dann um 6:00 endgültig wach zu sein. Ich scheine aber nicht die einzige zu sein, irgendein Nachbar wurschtelt auch schon. So stehe ich um 6:30 auf und habe noch Zeit, das Internet noch mal zu checken und in Ruhe zu packen. Um 7:15 verlasse ich das Hotel. Draußen ist es windig und kühl und so wechsle ich am Ortsende in meine Jacke plus Stirnband und –lampe. Es geht zwischen Strandbewuchs und Picknickbänken nach Pobeña, wo ich mich erstmal verlaufe, weil ich die Treppe auf den Hügel nicht finde. Also noch mal zurück über den Parkplatz und siehe da, da geht’s hoch. Oben erwartet mich ein betonierter Küstenweg. Langsam wird’s heller und ich brauche die Lampe bald nicht mehr. Der Wind lässt auch nach. Schön ist es schon, nur der Bodenbelag stört mich. Eine Gruppe alter Männer kommt mir entgegen und ich glaube, sie lästern ein wenig über mich. Egal, sollen sie. Bald überholen sie mich wieder von hinten und walken an mir vorbei. Einer erleichtert sich vor mir am Schilf am Wegesrand. 


 
Bald geht’s unter der A8 durch, abwärts zu einem versifften Klohäuschen mit Außendusche und dann bergauf nach Ontón. In dem kleinen Ort gibt es nicht viel zu sehen, also weiter über die N-634 (auf der ich 7km nach Castro-Urdiales abkürzen könnte) in eine kleinere Straße. Hier steht der erste Wegweiser für Pilger nach Castro mit Kilometer-Angabe. Und es gibt auch die ersten Pilger-Verkehrszeichen. Im Baskenland habe ich sie fast schon vermisst, aber jetzt bin ich ja in Kantabrien. Bald laufe ich auf diversen Straßen durch eine Siedlung, aber auch hier gibt es nichts Sehenswertes. Am Ortsende geht es bergauf in den Wald. Aber bald bin ich wieder auf einem Sträßchen, das sich ewig zieht. Zwischendurch kürzt der Jakobsweg die Straße auf einem lehmigen Waldweg ab. So langsam bekomme ich Hunger, aber hier gibt es keine Sitzgelegenheit. Nachts hat es ja noch geregnet, so ist es im Schatten noch sehr feucht. Also laufe ich weiter bergauf, bis der Alto de Helguera erreicht ist, dann weiter auf der Straße bergab. Auch hier gibt es keine Sitzgelegenheiten. Egal. Irgendwann weist ein gelber Pfeil von der Straße runter auf einen alten Minenweg, der aber mittlerweile auch asphaltiert ist. Nun laufe ich eine Weile eben bis Ontañes und mache vor der Baustelle zur Herberge am alten Bahnhof Frühstückspause. Zumindest sind noch Arbeiter zu Gange, vielleicht wird die Herberge ja doch noch irgendwann fertig. Geplant war sie für 2010.
Mittlerweile ist es recht warm, ich ziehe die Jacke aus und die Bluse wieder an. Weiter geht es eben bis Santullan, wo ein Berg abgebaut wird. Der Lärm hallt durch das ganze Tal. Weiter hinterm Ort geht es auf größtenteils asphaltierten Feldwegen nach Sámano, wo man eine große Schleife laufen muss. Meine Füße merke ich schon wieder. Ist halt kein Strandspaziergang. Der Weg nach Castro-Urdiales hinein zieht sich an einer viel befahrenen Straße entlang unter der A8 hindurch bei den großen Eroski und Día vorbei langsam Richtung Strand. Und da sehe ich die ersten Pilger von heute: die Deutschen, die mich vor dem Touri-Büro in Bilbao angesprochen haben. Sie sind wohl heute auch von La Arena gestartet. Eine hat den gleichen Rucksack wie ich, aber draußen hängt einiges dran. Ich will ein bisschen Smalltalk machen, werde aber, als ich sage, dass ich heute noch weiter gehe, mit einem recht brüsken „Na, dann Buen Camino!“ verabschiedet. Okay, dann eben nicht.



Am ersten Strand vorbei zieht sich die Promenade am Hafenbecken entlang. Am Ende thronen auf einer Halbinsel die Kirche Santa María und ein Leuchtturm. Ich hole mir aber erstmal in der Touri-Info einen Stempel und einen Stadtplan. Anschließend hole ich mir in einer Bar eine Cola zero für stolze 2 Euro und gehe aufs Klo. In der Landschaft vor Castro war das nicht möglich. Ich verlasse die Spelunke wieder und steige hinauf zur Kirche. Hier mache ich noch mal Pause, ziehe die Schuhe aus, massiere meine Füße und lege sie ein bisschen hoch. Wirklich zur Ruhe komme ich hier aber nicht. Ich fühle mich nicht wohl. Also gehe ich zum Eroski, den mir die Dame in den Plan gemalt hat und kaufe groß ein. Mit der Tüte in der Hand will ich weiterlaufen, aber die Dame hat den falschen Weg im Plan eingezeichnet und ich sehe plötzlich auch keine Pfeile mehr. So irre ich ein bisschen umher, bevor ich mit ein bisschen Hilfe zweier Spanier den richtigen Weg wieder finde. An der Herberge vorbei, die direkt neben einer Stierkampfarena liegt, die jedoch gerade voll eingerüstet ist, geht’s bergauf. Die anderen liegen schon auf irgendwelchen Stühlen vor der Herberge. Vor mir liegen noch gut 9km.


Ich bekomme langsam Hunger, will bei der ersten Gelegenheit noch mal Mittagspause machen. Am Campingplatz vorbei auf Landwegen bietet sich aber erstmal nichts. Im nächsten Ort steht aber mittendrin genau eine Bank und die ist dann meine. Ich esse die Reste vom alten Brot, ein Puddingstückchen, eine Banane, ein paar Nüsse mit Honig. Ich denke, das kann meine Kalorienbilanz verkraften. Dann geht’s weiter auf Asphalt, meine Füße mögen den nicht wirklich, aber die neuen Schuhe sind echt gut. An der Autobahn bis ins nette Cerdigo und dann an einem Friedhof endlich vom Asphalt runter auf einen Wiesenweg, der sich zur Küste windet. Ziegen und Schafe weiden hier. Überhaupt gibt es auf dem Weg allerlei Viehzeug: Schafe, Pferde, Esel, Ziegen, Kühe, Schweine, Hühner, Gänse, Katzen, Hunde. Die bellen natürlich oft. Ich frage mich aber auch, was die als Einbrecher-Abwehr sollen, wenn sie doch kurz angekettet sind. Islares liegt schon in Sichtweite, ein letztes Mal Asphalt für heute, dann bin ich da. Die Herberge ist recht einfach, aber viel brauche ich ja auch nicht. Erstmal eine Dusche, dann ein Waschbecken für die tägliche Wäsche, dann wieder Fußversorgung und anschließend ein bisschen Siesta. Ich bin bisher die Einzige. Das ist okay. Im Aufenthaltsraum läuft das Radio.
Ich gucke mir die nächsten Etappen an. Auch morgen will ich wieder gegen den Rother laufen. Aber jetzt ist mir erstmal richtig kalt und ich entscheide mich doch für ein warmes Abendessen. Den Vorratsschrank breche ich auf, da bin ich wohl auch nicht die Erste. Hervé, der Hospitalero, ist inzwischen nach Castro gefahren. Das einzige, was mich hier bisher stört, sind die Jugendlichen, die draußen auf der Treppe hocken und die Klos mitbenutzen. Während ich esse (Käsewürstchen, Champignons, Tomaten, passierte Tomaten, Gewürze, Käse) checken noch zwei spanische Radler ein. Ich quartiere sie gleich mal in den anderen Schlafsaal ein…                    
Schritte: 44.000

Dienstag, 25. September 2012

Bilbao –> La Arena: Hart, aber fair



Der Wecker klingelt um 6:30. Ich bekomme das Handy erst nicht ausgeschaltet. Die Nacht war so lala. Eine Mücke war im Zimmer. Ich packe zusammen und mache unabsichtlich noch ein bisschen Krach, ziehe die neuen Schuhe an und stehe um kurz nach 7 auf den Straßen Bilbaos. Los geht’s an der Ría bis zum Guggenheim, dann auf die andere Flussseite. Ich merke meinen Füßen die Tour von gestern an. Naja, mal schauen, wie das heute in den neuen Schuhen wird.
Langsam aber sicher verlasse ich die Wohngebiete und tauche in die Industrie ein. Alle sagen bzw. schreiben, dies hier sei ein schrecklicher Abschnitt. Hm, da kann ich nicht ganz zustimmen. Klar, der Gehweg ist hart, die Umgebung hässlich und soviel Abgas bekommt man auf dem Camino selten. Aber, als es so langsam hell wird, entdecke ich auch immer mehr Positives. Immer wieder wünschen die Leute einen Buen Camino. Bis zur hohen Autobahnbrücke nach ungefähr der Hälfte der Etappe bis zur Gondel zähle ich sogar zwei offene Bars. Hinter der Brücke auch und es gibt hier sogar einen Lidl, der ab 9:15 offen hat. Und es gibt auch ab und zu mal Sitzgelegenheiten. 




Der richtig blöde Abschnitt kommt fast zum Schluss vor Getxo: da muss ich ca. einen Kilometer auf der Straße laufen. Natürlich ist das alles anstrengend für die Füße, aber in Crocs wäre es auch nicht besser. In Getxo mache ich um 9:30 Frühstück vor der Gondel, mit der ich anschließend nach Portugalete übersetze. Die Gondel hängt an langen Stahlseilen und ich frage mich, wie die denn bei starkem Wind fährt. Um kurz nach 10 bin ich in der Touri-Info und bekomme nach dem Stempel die Bestätigung: die Herberge in Pobeña ist geschlossen. Ein sehr freundlicher junger Mann nennt mir die Alternativen:
-         mit dem Bus von Portugalete nach Pobeña fahren und dann die kürzere Variante über die Landstraße nach Castro-Urdiales laufen.
-         hinter Pobeña noch ca. eine Stunde laufen, dann den Weg ein Stück nach links verlassen und da gäbe es an einer Straße noch 2 Hotels.
Ich muss lange überlegen und entscheide mich erstmal für Lösung Nr. 3: es erstmal in La Arena versuchen, da gibt es Appartements. Michael und Gabi haben davon erzählt, sie sind den Norte ja schon im letzten Jahr gelaufen und haben damals dort übernachtet. So laufen meine Füße recht stressfrei aus Portugalete raus von dem ich nicht viel mitbekomme, weil ich so in Gedanken bin. Am Ortsende wäre noch mal ein Eroski, aber ich habe noch so viel dabei, das muss reichen. So komme ich also auf die Rad- und Fußweg-Autobahn, die sich langsam nach Norden windet. Natürlich ist auch hier wieder Asphalt. Immer wieder sausen Radfahrer vorbei, auch einige Fußgänger sind unterwegs. Ich schlappe weiter und frage mich, warum ich das alles mache. Warum ich mich so entschieden habe. Eine Weisheit vom letzten Jahr fällt mir wieder ein: Wer weiß, wozu das alles gut ist. Na gut, also doch noch ein bisschen Hoffnung. Und auch hier höre ich ab und zu ein Buen Camino. Wie komisch, dass das immer im passenden Moment kommt. Ich habe heute noch keine anderen Pilger gesehen. 
Aber die Füße werden immer müder. Ich frage mich, ob ich daheim irgendwas verpasse. Das schlägt auch wieder auf die Stimmung. Vielleicht habe ich ja heute WiFi. Wenn ich nicht irgendwo unter einem Unterstand in der Natur schlafen muss. Dieser Weg ist echt merkwürdig. Aber ich will auch (noch?) nicht auf den CF wechseln. Vielleicht werde ich mit dem Norte ja doch noch warm. Und schlimm ist es hier ja nicht, also Zähne zusammenbeißen und weiter.


Kurz vor La Arena muss ich mich dann doch noch mal setzen und einen Müsliriegel essen. Ein vorbeilaufender Spanier meint, es sei nicht mehr weit. Ein vorbeiradelnder Spanier grinst und ruft „Hasta luego!“. Als ich kurz darauf weiterlaufe, kommt er mir auch schon wieder entgegen und grinst wieder übers ganze Gesicht.
Da liegt La Arena dann auch schon vor mir. Ich kehre in einer Bar ein, bestelle Cola light und ein süßes Stückchen, frage, wo ich übernachten kann. Die netten Bardamen zeigen auf das Appartement-Hotel, eine bietet mir an, mich nach Castro zu fahren. Aber ich will ja laufen. Ich werde schon was finden. Im Radio läuft derweil "Lana del Rey – Born to die" an: „Feet don’t fail me now…“ Ich gehe aufs Klo und lasse mir noch einen Stempel geben. Dann gehe ich auf die andere Straßenseite zum Hotel. Und ich habe Glück: Ich darf für 35 Euro übernachten, normalerweise würde das 38,- plus Mehrwertsteuer kosten. Juchhu! Im ersten Stock erwartet mich ein schönes Appartement mit Doppelbett, Balkon mit Wäscheständer, Küchenzeile, Tisch, Sofa, Bad. Super! Ich dusche und wasche gleich einiges, der Wind draußen wird’s schnell trocknen. Dann versorge ich meine Füße. Die Blase an der 2. Zehe links ist ein bisschen größer geworden, tut aber nicht weh. Dann lege ich die Füße hoch und döse ein wenig, kann aber nicht schlafen. Also informiere ich mich über die nächsten Etappen, esse etwas, versuche mich am WiFi, bekomme es aber nicht zum Laufen. An der Rezeption ist momentan aber niemand, den ich noch mal fragen kann. Währenddessen tobt draußen ein Biskaya-Tief, es ist dunkel, stürmisch und schüttet wie aus Eimern. Hoffentlich hört der Regen aber noch auf, denn ich habe noch eine zweite Ladung Wäsche gewaschen. Der Teletext sagt für morgen bedeckt voraus. Das wäre ja okay.
Ich hole mir Kekse ohne Zucker in der Tienda, esse welche und setze mich vor die Rezeption, denn mittlerweile weiß ich, was ich beim Passwort falsch gemacht habe und der WiFi-Empfang ist dort am besten. Ich hole mir gleich ein paar Programm-Updates, die wohl nötig sind. Ich scheine aber nicht so viel verpasst zu haben. So vergeht der Abend. Ich operiere noch mal meinen rechten Fuß, der sich danach deutlich besser anfühlt. Ich schreibe Tagebuch und hoffe, dass die Spanier über mir nicht die halbe Nacht das Appartement umräumen.
Schritte: 33.500

Montag, 24. September 2012

Eskerika –> Bilbao



Ich winde mich im Bett hin und her, in meinem Magen rumort es. Außerdem ist es total heiß, draußen fegt ein Sturm übers Dach. Nach einer Weile überwinde ich mich und gehe noch mal aufs Klo, dann kann ich auch schlafen. Wir stehen um 6:30 auf, packen, um 7:00 gibt’s einfaches Frühstück: Baguette, Margarine, Orangenmarmelade. Dann geht’s los.
Die Luft ist angenehm, nachts hat es geregnet, es ist nicht mehr schwül. Estelle läuft vorneweg, ihre Fußschmerzen scheinen vergessen. Es geht wieder bergauf. Im Wald weist ein Schild von der Straße weg und nun wird es teilweise recht glitschig. Aber es geht gerade noch so mit den Crocs. Aber eine Dauerlösung ist das nicht, zumal der Rucksack auch schon wieder drückt. Menno! Dann muss ich mir in Bilbao eben doch wieder neue Schuhe kaufen und die Stiefel postlagernd nach Santiago schicken. Bald wird der Weg aber besser, führt aus dem Wald raus und wir sind wieder auf einem Sträßchen. Das führt bald auf eine größere Straße und nun auch in dicht besiedeltes Gebiet. In Lezama machen wir am Hauptplatz 2. Frühstück. Gabi und Michael kochen noch Wasser für Kaffee und ich mache mich schon mal auf den Weiterweg entlang der langen Straße. Was mir hier am Weg bisher aufgefallen ist:
-         ich habe das Hape-Phänomen und sehe viele Schmetterlinge, das kenne ich vom CF nicht
-         es riecht immer wieder nach Urin
-         es ist mitunter sehr dreckig am Wegesrand. Pfui!
Und irgendwie kommt noch nicht so richtig Pilgerstimmung auf. Gabi und Michael sind zwar nett, aber ihr Tempo werde ich nicht weiter mithalten können. Edgar ist in Zenarruza geblieben und ich habe mich nicht verabschiedet. Markus ist mir unangenehm und Estelle ist zwar nett, aber irgendetwas fehlt. Nun ja.
In Zamudio geht’s an der Kirche von der Hauptstraße weg, ein Hinweisschild zeigt „ Bilbao 7km“ an. Es geht durchs Industriegebiet, dann über die Autobahn und schließlich muss noch der Monte Avril bezwungen werden. Mittlerweile ist es auch schon wieder recht warm, aber bald geht’s wieder in den Wald, da ist es angenehmer. 



Auf einem Asphaltsträßchen wird mir dann ganz plötzlich wieder schwindlig. Von einem Moment zum nächsten. Was ist das nur? Es kann weder Dehydratation noch Hypoglykämie sein! Scheiße. Ich torkele weiter, will mich an einer Hofeinfahrt hinsetzen, werde aber von einem Wachhund verbellt. Also geht’s weiter bergauf. Bald ist der höchste Punkt erreicht. Ich lehne mich auf einen Plan von Bilbao, während Gabi und Michael mich einholen. Nun geht’s durch ein Naherholungsgebiet bergab. Bald kommt ein Picknickgelände und ich muss mich setzen. Gabi und Michael gehen weiter, wollen später Pause machen. Ich verklebe meine Füße noch mal anders und warte, bis der Schwindel etwas besser ist. Dann gehe ich weiter bergab, verlasse den Park und komme langsam in die Stadt. Gabi und Michael sehe ich nur noch von weitem. 



Über Treppen, Fußwege und Straßen komme ich an der Basílica de Begoña vorbei und weiter über Treppen in die Altstadt. Hier unterhalte ich mich kurz mit einer deutschen Pilgerin, die auf der Rückreise ist, und gehe ein paar Meter mit ihr. Dann verabschiedet sie sich plötzlich und ich stehe irgendwo mitten in den Siete Calles und weiß nicht mehr weiter. Eine Dame in einem Laden hilft mir weiter und schickt mich zur Touri-Info. Dort bekomme ich einen Stadtplan mit Auskunft, wo denn die Correos und Sportgeschäfte seien und einen Plan mit Hotels und Pensionen. Ich möchte heute nicht in einer Herberge schlafen. Als ich die Info verlasse, werde ich wieder angesprochen von ein paar Deutschen, die mich über die Brücke schicken. In der ersten Pension wird mir ein fensterloser Raum angeboten und ich werde sofort klaustrophob. In der zweiten Pension (Martinez) bekomme ich ein Zimmer für 28,- und wohne damit auch gleich neben dem Decathlon.
Ich esse meine Reste, dusche und wasche meine Unterwäsche, lege die Beine hoch. Puh, bin ich müde. Der Schwindel ist zwar wieder vorbei, hat mir aber wieder Angst eingeflößt.
Ich überwinde die Müdigkeit, nehme meine Stiefel und meinen Pulli und mache mich auf den Weg zur Post. Die erste hat zu, die zweite gibt’s nicht und die dritte ist wohl nur eine Verteilerstelle und an der vierten kurz vorm Guggenheim stehen auch keine Öffnungszeiten. Also frage ich ein paar Spanier, die hier herumsitzen und mit Hilfe einer Postbotin, die gerade vorbeikommt, finden wir heraus, dass ich zur Hauptpost, die Straße in die andere Richtung muss. Dann gehe ich eben später zum Guggenheim-Museum. Morgen früh ist es sonst zu dunkel für Fotos. An der Hauptpost ziehe ich mir brav eine Nummer und warte, bis ich dran bin, trage mein Anliegen vor und werde erstmal zur Information geschickt, die Kartons verkauft. Na toll. Anschließend muss ich mir wieder eine Nummer ziehen und warten. Ich denke an den CF und Santo Domingo de la Calzada und Hospital de Órbigo zurück, wo das Verschicken so einfach war. Aber dann sind die Stiefel und der Pulli weg. Beides wiegt 1,6kg, gar nicht so schwer, wie ich dachte. Nun ja. Aber wenigstens habe ich das nicht mehr zusätzlich auf dem Rücken.



Auf geht’s zum Nachbarn Decathlon, wo ich viele Schuhpaare anprobiere. Aber nur ein Modell fühlt sich an wie Wohnzimmer. Kostet dann aber auch 100 Euro. Egal, da muss ich durch. Ich gehe in die Pension zurück, ziehe die neuen Schuhe gleich an und lasse die Crocs daheim. Erstmal gehe ich noch mal zur Touri-Info und frage nach WiFi und Supermarkt, dann weiter zum Guggenheim, wo ich Fotos vom Gebäude, dem Blumen-Hund und Her Grace mache. Anschließend geht’s zum WiFi-Platz, aber das städtische WiFi funktioniert bei mir nicht. Dafür hat ein Café eine offene Leitung, die gerade für eMails, den Wetterbericht und eine WhatsApp-Nachricht reicht. Ich erfahre, dass ich bis Ende Oktober meinen Urlaubsplan machen soll, da weiß ich ja gleich, was ich zu tun habe, wenn ich wieder daheim bin. Ferner erfahre ich, dass die Herberge in Pobeña wohl seit Freitag zu hat. Das ist schlecht, denn da wollte ich morgen hin. Hm.
Ich gehe wieder in die Altstadt, durch die Gassen, statte der Santiago-Kirche einen Besuch ab. In einer halben Stunde wäre Messe, aber ich habe so Hunger und muss noch einkaufen. Ein Stück Kuchen habe ich schon gegessen. Lecker. Erinnert mich an Lissabon. Durch eine enge Gasse gehe ich zum Eroski für mein Pan integral und andere Sachen. Dann geht’s zurück in die Pension. Für heute reicht es mit Laufen.
Ich esse und trinke, schaue spanische Nachrichten. Die ganze Rolle Oreos muss dran glauben, aber dann muss ich sie morgen zumindest nicht mehr (auf dem Rücken) tragen. Wollte ich nicht auf so was verzichten? Hm.




Ich versuche, mich über die morgige Etappe bzw. das Ziel schlau zu machen, aber wirklich viele Alternativen habe ich nicht. Mit Glück finde ich was in La Arena, sonst muss ich wohl mit dem Bus nach Muskiz fahren. Ich hoffe, die Touri-Info in Portugalete kann mir weiterhelfen.                     
Tour: 33.000 Schritte                          Bilbao: 17.000 Schritte

Sonntag, 23. September 2012

Zenarruza –> Eskerika: Radtour in der Schwüle



Wir stehen um 6:40 auf, packen komplett. Unten wartet zum Frühstück ein ganzer Mandelkuchen auf uns plus Milch und Kaffee- und Kakaopulver neben der Mikrowelle. Als wir starten, geht gerade spektakulär die Sonne auf und taucht die ganze Umgebung in tolles Licht. 


Dann geht’s in den Wald. Der Weg ist teilweise matschig, aber es geht trotzdem gut in den Crocs. Es ist wieder ziemlich schwül und das macht uns ganz schön fertig. Es geht rauf, es geht runter, mal auf Pfaden, die bei Regen bestimmt nicht witzig sind, aber momentan fast überall trocken. Ab und zu geht der Weg durch kleinere Dörfer. Bald sind wir aber ziemlich geschafft und legen in Zarrabenta eine Pause fürs 2. Frühstück ein. Kaum wieder auf dem Jakobsweg und ich könnte schon wieder nur essen. Ich habe ständig Hunger. Aber wenigstens wird so der Rucksack etwas leichter, vorher hat er ganz schön gedrückt. Ein paar Autos fahren vor und Ordner steigen aus. Kurz darauf rauschen einige Radler, die wohl auf einer Rundfahrt sind, vorbei. 





Bald gehen wir weiter und der Rucksack drückt nicht mehr. Es geht weiter über Straßen, Forstwege, hoch, runter… Kurz vor Gernika sehen wir die Radler wieder. In den Ort geht es abwärts auf einer Landstraße. In der Stadt ist viel los. Gabi und Michael setzen sich in eine Bar und ich mache mich auf den Weg zur Touri-Info, um mir einen Stempel zu holen. Wir gehen ein bisschen aus dem Zentrum raus und machen auf einer Bank vor der Kirche Sta. Luzia Mittagspause. Estelle kommt auf ihrer Besichtigungstour durch Gernika vorbei. Das hätte ich vielleicht auch machen sollen, dann hätte ich die „Guernica“ von Picasso auch gesehen… So machen wir uns auf den Weg aus der Stadt hinaus. Es ist so warm! Und natürlich geht es hinter Gernika wieder bergauf. Puh! Ich denke darüber nach, ob ich eine Pilgerin bin. Ich war bisher kaum in Kirchen und noch in keinem Gottesdienst. Im Kloster habe ich auch nicht geschlafen. Möchte ich eine richtige Pilgerin sein? Oder nur eine Wanderin auf dem Camino del Norte? Möchte ich übermorgen mit der Bahn nach Portugalete fahren oder doch durch das blöde Industriegebiet laufen? Puh. Schwierige Entscheidungen.


Der Weg zieht sich, es geht hügelig weiter. Ich trinke den letzten Rest Wasser, aber ich bin mir sicher, dass wir bald da sind. Ich hoffe, dass mir nicht wieder schwindlig wird wie die letzten 2 Tage. Bald erreichen wir die Herberge, der Herbergsvater erwartet uns schon. Die Albergue ist sehr neu und schön eingerichtet im Stile eines Bauernhauses mit Balken und Steinen. Endlich da, ich bin froh. Ich gehe langsam duschen und entdecke eine neue, aber nicht so schmerzhafte Blase. Nach dem Duschen wasche ich draußen meine Sachen und unterhalte mich ein bisschen mit dem Herbergsvater, der selbst schon 2mal auf dem Camino war. Estelle kommt an. Ihr Fuß tut etwas weh. Ich hänge meine nassen Sachen auf. Das Trockenwerden sollte kein Problem sein, weil es mittlerweile sehr windig ist. Anschließend betreibe ich Blasenchirurgie, lege die Beine ein bissl hoch, schreibe Tagebuch, höre Musik, lese. Bald gibt es Abendessen: Russischer Salat, Schweinefleisch mit Paprika und gezuckerten Joghurt. Auch hier gibt’s wieder guten Wein. Ich schreibe noch ins Gästebuch, dann gehe ich ins Bett.
Schritte: 44.000

Samstag, 22. September 2012

Deba –> Zenarruza: Pilgern im Dunkeln



Um 6:00 stehen Michael und Gabi auf, ich tue es ihnen gleich. Heute wird es eine lange Etappe, da muss man die Dunkelheit und Kühle der Morgenstunden nutzen. Zu dritt machen wir uns auf den Weg in den Ort. Michael und Gabi gehen noch zum Bäcker, ich schon mal voraus, verlaufe mich kurz, weil ich den Gleisübergang anders in Erinnerung habe. Dann geht’s über die Flussbrücke, wo schon ein paar Angler zu Gange sind. Es ist schön dunkel und kühl. 


Es geht aus dem Ort raus und in den Wald rein, gleich mal bergauf, anstrengend. Über dem Weg hängen auch immer wieder Spinnweben, die dann an mir kleben bleiben. Bäh! Ich trage wieder Crocs und komme gut voran. Bald erreiche ich eine knifflige Stelle, an der ich nicht mehr weiter weiß. Es dämmert mittlerweile und Michael und Gabi holen mich ein. Wir finden den richtigen Weg und gehen zusammen weiter. Auf und Ab geht der Weg und Michael und Gabi erzählen von ihren Reisen und ihrem Leben. Die beiden sind schon gut rumgekommen. Nach 2einhalb Stunden erreichen wir Olatz und frühstücken außerhalb der Taverne. Michael und Gabi kochen Kaffee auf ihrem Trangia. Es ist sehr ruhig. Es geht erst leicht und dann kräftig bergauf weiter. Einige Stellen sind etwas schmierig mit den Crocs, aber meistens geht’s ohne Probleme. Bis Markina dauert es eine Weile und geht meist hügelig im Wald. Markus und ein anderer Pilger schließen auf und überholen uns. Wir holen sie aber bald wieder ein, als sie Pause machen. Markus gibt uns Pfirsichstücke, er ist heute sehr müde. Wir erreichen Markina-Xemein um 13:00, besichtigen die Ermitage mit den Felsen innen drin und kaufen dann beim Eroski für morgen ein. Da ist ja Sonntag und weiter wird es keine Möglichkeit zum Einkaufen geben. 


Die Sonne brennt mittlerweile vom Himmel und wir brauchen dringend eine Mittagspause. Die machen wir im Schatten auf einem Picknickplatz im Ort. Ich trinke einen Liter Saft und esse den Rest von meinem Pan integrale, das gibt’s ja schließlich beim Eroski, mit Käse und Gurke, einen Joghurt und einen Pfirsich. Die Pause tut gut und gestärkt machen wir uns auf den Weiterweg. Erstmal geht’s in der prallen Sonne an der Straße entlang. Der Weg führt bald parallel weiter, erst auf einem Fußweg, dann am Bach entlang. Wir kommen noch mal durch ein Dorf. Der Wirt der Bar wünscht uns einen Buen Camino und bergauf geht’s auch schon wieder aus dem Dorf heraus. Es wird wieder hügelig und ich bin froh um jedes bisschen Schatten. Bergab geht es Richtung Bolibar, wo wir noch mal bergauf hineinlaufen. Das Örtchen ist schön hergerichtet, die Bar am Dorfplatz gut besucht. Dann folgt der finale Anstieg nach Zenarruza auf einem alten Pflasterweg. Das ist natürlich noch mal anstrengend. Aber bald sind wir da und checken in die private Herberge ein. Gabi möchte nicht ins Kloster und allein will ich das auch nicht, da ich befürchte, dass Markus auch bis hierher laufen wird. Auf den habe ich keine Lust und so habe ich wenigstens Ansprechpartner. Bisher sind wir die einzigen Pilger hier. Ich dusche, eine Wohltat, wasche meine Wäsche und betreibe Blasenchirurgie an der rechten Fußsohle. Anschließend lege ich die Füße hoch und will was über die morgige Etappe lesen, als mir wieder schwindlig wird wie gestern. Was ist das bloß? Unterzucker? Elektrolytmangel? Zumindest wird es besser, als ich eine Kleinigkeit esse. Aber es ärgert mich. Ich esse doch den ganzen Tag nicht gerade wenig. Ich habe die Telefonnummer der nächsten Herberge auf Michaels Handy im Internet herausgefunden. Die Herberge ist sehr neu und wir wollen den Wirt von hier fragen, ob er dort anrufen kann und für uns reservieren.
Wir ruhen uns noch etwas aus und gehen um halb 9 zum Essen. Wir sitzen allein im großen Gastraum und bekommen serviert: 1. Gang: gemischter Salat, sehr leckere frittierte Käsebällchen und Brot, 2. Gang: Schweinefleisch mit Pommes und zum Nachtisch Biskuitrolle mit Vanillepudding-Füllung. Dazu gibt’s sehr leckeren Wein. Es ist ein schöner Abend. Ich reserviere noch die nächste Herberge mit dem Herbergstelefon vor, was etwas schwierig ist, weil die Verbindung sehr schlecht ist. Danach treffen wir noch auf Markus, der sich hier noch ein Bier holt und erzählt, dass es im Kloster wohl sehr voll ist. Umso besser, dass wir unser Sechs-Bett-Zimmer nur zu dritt haben.
Schritte: 49.000 + die ersten hundert Kilometer sind geschafft.

Donnerstag, 20. September 2012

Zarautz –> Deba: On Crocs again



Ich schlafe einigermaßen gut. Das ist prima. Markus ist der Erste, der aufbricht, ich folge um 7:45. Draußen ist es noch relativ dunkel, sehr windig und schwül. Das kann ja heiter werden. Es geht auf dem Fußweg neben der N-634 direkt an der Küste entlang bis Getaria, wo Markus in einer Bar sitzt. Ich laufe weiter, jetzt geht es bergauf. Ich bin in Crocs gestartet, müsste heute eigentlich kein Problem sein. Ich kremple meine Hosenbeine um und just in dem Moment kommt Markus von hinten angeschlichen. Der Typ nervt mich. Boah! 

















Soll er mal schön weiterziehen. Ich gehe mein Tempo heute allein. In Askizu mache ich Frühstückspause und der Wind weht meinen Brotbelag fast herunter. Aber ich bin ganz froh um den Wind, denn so ist die Schwüle erträglicher. Dann sehe ich den ersten Pilger. Es geht immer bergauf und bergab, vom Weg her aber kein Problem für die Crocs. Ich erreiche Zumaia, wo Markus wieder in einer Bar sitzt, aber diesmal sieht er mich nicht, also schleiche ich an ihm vorbei. Aus dem Ort geht es bergauf hinaus und schon wieder sehe ich andere Pilger. Erstmal geht es weiter auf Asphalt, dann auf einem Feldweg, wo mich Markus wieder überholt und sich für sein Verhalten gestern entschuldigt und weiterzieht.
Bald kommt ein Picknickgelände, das sogar Toiletten hat. Da suche ich doch gleich mal eine auf, Klopapier habe ich ja dabei. Durch einen Mini-Ort geht es bergab weiter, über die N-634, dann wieder bergauf, aber glücklicherweise recht schattig. Ich durchquere mehrere Viehgatter. Der Boden ist an manchen Stellen matschig, aber die kann ich gut umgehen 

Bald komme ich an ein paar Flaschen mit gekühltem Sidre vorbei. Ich würde ja gern probieren, aber es ist so heiß und der Weg zum Tragen zu weit. Gut, dass ich mich dagegen entschieden habe, denn ein kurzes Stück drauf muss man ca. 500m auf dem Seitenstreifen der N-634 laufen. Und da wird’s mir plötzlich schwindlig. Aber wie! Woran kann das liegen? Ich habe genug getrunken und Unterzucker merke ich eigentlich anders. So schwanke ich weiter und bin froh, als die Straße hinter mir liegt. Eigentlich würde ich mich gerne irgendwo hinsetzen, aber auf Gras habe ich auch keine Lust. So stolpere ich weiter und bald geht es wieder bergauf, Gott sei Dank schattig. Der nächste Ort, Itziar, kann eigentlich nicht mehr weit sein, denke ich zumindest. Aber bis dahin muss ich noch mal ein Stück auf der Straße laufen, bergauf natürlich. Dann erreiche ich den Ort. Kurz vor der Kirche ist eine Tienda, wo ich mir erstmal Kekse und eine Banane hole. Vor der Kirche setze ich mich hin und lege die Füße hoch. Sofort wird es besser. Ich esse die Banane, Kekse und trinke den einen Saft, den ich noch habe. Es ist 12:45 und weil die Touri-Info in Deba, wo man den Schlüssel für die Herberge holen muss, um 14:00 Siesta macht, beschließe ich, doch schnell weiterzugehen. Und schon wieder sehe ich andere Pilger! Es geht noch mal ein kleines Stück bergauf bis zum Friedhof und dann meist auf Straßen bergab. Das kann ich ja mittlerweile. Um 13:40 bin ich in Deba, nachdem ich die Aufzüge hinab in die Stadt benutzt habe, und checke in der Touri-Info ein. Die Herberge kostet neuerdings 5 Euro. Die Dame gibt mir einige Infos über Deba und die Strecke morgen. Die wird lang, denn eigentlich will ich ja bis zum Kloster Zenaruzza laufen. Mal schauen, ob ich so weit komme.
In der Herberge, die in einer alten Turnhalle untergebracht ist, sind schon das deutsche Paar und noch 3 andere Pilger. Ich bin die Sechste und ich habe ja einige überholt, das heißt, die Herberge könnte voll werden. Ich dusche, wasche Wäsche und zentrifugiere die gleich, so dass alles fast trocken ist. Anschließend mache ich die Füße, lege sie hoch und lese die morgige Etappe. Dann habe ich Hunger, gehe raus und lasse 3 Pilger rein, u.a. Markus, der irgendwo einen Umweg gelaufen ist. Aha. Ich esse den Rest von meinem Frankenkorn mit Gurke und dem Rest vom Brie. Sehr lecker! Auf dem Weg zum Strand treffe ich noch vor den Aufzügen Estelle, der ich sage, sie müsse in der Touri-Info einchecken. Sie geht trotzdem zur Herberge. Irgendwie ist diese Beziehung auch mit Fehlern behaftet. Und hier sitze ich nun auf einer Bank am Strand und schreibe. Morgen sollte ich auf jeden Fall versuchen, weiter als bis Markina-Xemein zu laufen, nachdem die Herberge hier schon so voll ist. Schade, ich habe echt gedacht, dass weniger Pilger unterwegs sind. Aber ich bin mal gespannt, ob ich Edgar wiedersehe.


Ich kaufe noch im Supermarkt ein und gehe wieder zur Herberge, wo ich mich noch mal eine Stunde hinlege. Ich bin so müde. Die Siesta tut gut. Anschließend setze ich mich auf die Terrasse und esse zu Abend: Tomaten, Käse, Banane, Joghurt. Dann geselle ich mich zu Michael und Gabi, dem deutschen Paar, das von der Ostsee gestartet ist und unterhalte mich mit ihnen. Sie haben schon viele Reisen unternommen und erzählen von ihrem Weg durch Deutschland. Um kurz nach 9 gehen wir schlafen.
Schritte: 34.500

Donostia / San Sebastián –> Zarautz: Was für ein komischer Tag



Ich schlafe wieder schlecht. Das sollte mal nicht zur Gewohnheit werden. Keine Ahnung, wann die Ersten aufstehen. Um kurz vor halb 8 mache ich mich dann auch fertig. Zwei Spanierinnen haben derweil auch schon das Licht eingeschaltet. In der Jugendherberge gibt’s Frühstück, sogar mit Müsli, das kann ich mir nicht entgehen lassen. Ist ja auch im Preis mit drin. Beim Frühstück stellt Markus mir Edgar aus Kanada vor. Das deutsche Paar ist auch schon wach. Nach dem Frühstück beseitige ich den Rest von meinem Chaos und mache mich auf den Weg. Zuerst wird’s ein kleiner Umweg, weil ich auf der Straße bleibe, obwohl es wohl abkürzende Treppen gegeben hätte. Aber auch so komme ich bald wieder zum Camino, irgendwo da oben musste es ja weitergehen, soviel war klar. Edgar holt mich ein und wir laufen lange zusammen und unterhalten uns. Er ist Seelsorger in einem Krankenhaus in Vancouver. Wir passieren eine Stelle mit Stempel und Wasser für Pilger, bevor es aus dem Ort rausgeht und wir auf Pfaden und Straßen weiter westwärts laufen. Mal sehen wir Häuser, mal laufen wir durch Wald- und Buschland. So langsam wird es auch richtig warm. 


Vor Orio macht Edgar eine Pause, während ich weiter bergab gehe. Die Füße merke ich schon wieder etwas. Orio ist ein hübsches Städtchen. Ich lasse mir in der Touri-Info einen Stempel geben und benutze das sehr saubere Klo, weiter unten umrunde ich eine geschlossene Kirche und sehe dann auch schon Markus und Edgar die Straße hinunter kommen. Ich warte auf die beiden, die auch noch mal schnell zur Touri-Info zurückgehen. Zu dritt gehen wir weiter über den Markt und die Brücke zur anderen Uferseite. Dort kommt Edgar, der auch noch spanisch und deutsch spricht, ins Gespräch mit einem Hafenarbeiter, der einiges über den Camino und das Wetter erzählt. Ich bin erstaunt, wie viel ich doch verstehe. So wird der Weg nicht langweilig. Für uns geht’s bald bergauf in die Weinberge. So langsam bekomme ich Hunger, aber hier gibt es kein schattiges Plätzchen für eine Mittagspause. Auf Höhe des Campingplatzes von Zarautz sehen wir den Wegweiser zu einer Ermitage und begeben uns dorthin. Leider können wir nur von außen hineingucken, denn die Tür ist zu. Sieht aber schön schlicht aus. Wir setzen uns ins Gras in den Schatten und machen lange Pause und quatschen. 


Nach einer Ewigkeit geht’s weiter, ich habe mittlerweile auf Crocs gewechselt. Zarautz kommt bald in Sicht. Die Jugendherberge liegt natürlich am Ende des Ortes. Aber sie ist completo! Die Putzfrauen erzählen von Pensionen im Ort und so gehen wir zurück und checken zu dritt in der ersten ein. Wir bekommen ein 4-Bett-Zimmer für 58,- Dieser Camino wird irgendwie teurer als der letzte. Edgar und ich duschen, während Markus unten in der Bar was trinkt. Dann trinken wir was, während Markus duscht. Pepsi light kostet hier 2,20Euro! Anschließend gehe ich mit Markus an den Strand. Irgendwie ist mir der Typ unangenehm. Ich mag die Art nicht, wie er mich ansieht. Die Flut kommt gerade rein und im Gegensatz zum Vormittag, der schön ruhig war, werde ich unruhig. Wir setzen uns in eine Bar und genehmigen uns Txakoli, ein hiesiges Weißweingetränk, der aber schmeckt wie trockener Weißwein. Markus mustert mich wieder so unangenehm, ich frage unwirsch, warum er so guckt, und nachdem er dann auch noch mein Knie tätschelt, ergreife ich die Flucht, nachdem ich ihm gesagt habe, dass er das bitte lassen soll, das mag ich nicht. Ich rede allerdings sehr leise. Ich wünschte, dass ich in solchen Situationen mehr Selbstbewusstsein zeigen könnte, keine Ahnung, wo da das Problem liegt. Ich hoffe aber trotzdem, dass die Botschaft angekommen ist, sonst muss ich doch mal Tacheles reden. Ich bin aber sehr froh, dass Edgar auch noch mit im Zimmer schläft, sonst müsste ich mir echt Gedanken machen. Ich gehe im Eroski einkaufen und dann auf’s Zimmer. Mir geht es auch nicht besonders gut, ich bin müde, habe Kopfweh und Durchfall. Ich bekomme fast einen Nervenzusammenbruch, als ich das Ladekabel für mein Smartphone nicht finde. Ich suche überall, räume durch meinen ganzen Rucksack, nur um das Kabel dann unterm Kopfkissen zu finden. Die Männer wollten im Ort essen gehen, ich bevorzuge die sparsame Variante. Zum Abendessen gibt es daher eine Scheibe Brot mit Gurke und Brie, einen Apfel und zwei Joghurts mit Cerealien, und Bifruta-Saft ohne Zucker. Dann mache ich mich bettfertig. Heute muss ich doch mal gut schlafen…                    
Schritte: 33.500


Mittwoch, 19. September 2012

Irún –> Donostia / San Sebastián: Endlich Pilger



Die Nacht war sehr mäßig, ich schlafe nicht besonders gut, wache oft auf. Um 7:30 klingelt der Wecker recht laut. Ich mache mich fertig, da fällt mir mal wieder ein bekanntes Tier auf: eine Bettwanze? Möglich, aber ohne Blut. Ich weiß auch nicht, wo die herkam, aber zur Sicherheit schmiere ich noch mal Teebaumöl auf den Rucksack und die Schuhe. Und dann geht’s los.

Der Regen hat sich verzogen, aber die Wolken sind noch da. Laut Wetterbericht soll es aber schöner werden in den nächsten Tagen. Aus Irún heraus geht es ins anschließende Hondarribia, dann weg von der Haupt- auf eine Seitenstraße. Hinter mir ist schon eine Schar Tageswanderer. Ich überquere eine andere Hauptstraße, dann geht’s ins Naherholungsgebiet mit Teichen. Schilf und Enten, immer auf den Jaizkibel-Höhenzug zu. Es ist ein bisschen schwül. Dann holt mich der erste Pilger ein und spricht mich auf Deutsch an: Markus aus Regensburg. Wir plaudern ein bisschen. Es ist sein erster Pilgerweg, sein Vater wäre aber schon öfter auf Jakobswegen unterwegs gewesen und hätte ihm zum Camino del Norte geraten. Er läuft sehr schnell und verabschiedet sich bald. Es geht auf einem lehmigen Waldweg gut bergauf. Bald bekomme ich Hunger und mache vor der Ermitage Guadalupe Frühstückspause. Und hier sind dann auch schon mehr Pilger. Ein Paar aus Deutschland, er im St.-Pauli-Shirt und zwei Holländerinnen, von denen ich auch erst dachte, es seien Deutsche, und ein anderes Mädel, das aber auch sehr deutsch aussieht. Na super, denke ich mir, schon wieder so viele Deutsche. Die Ermitage ist von innen recht ansprechend, besonders gefallen mir aber die frisch aufgestellten Lilien, die einen tollen Geruch verbreiten. Ich liebe Lilien!


 








Es geht weiter ein Stück aufwärts, an glücklichen baskischen Schafen vorbei bis zum Hinweis auf die Jaizkibel-Besteigung, die nur für Alpinisten geeignet sei. Na, wie gut, dass ich einer bin. Es geht dann schon sehr steil bergauf weiter. Oben gibt es dafür tolle Ausblicke auf das Meer, den Großraum Irún/Hondarribia/Hendaye und Ausläufer der Pyrenäen. Nun geht der Weg hügelig weiter, an alten Wachturmresten vorbei. Die ausgewaschenen Felsbrocken und der Dolmen, der hier steht, haben was von Asterix und Obelix. Hier oben weiden Schafe, Pferde mit Glocken und Kühe. Das Wetter wird zunehmend besser. Ich denke nicht viel, freue mich, dass ich wieder so laufen kann. Ich bin sehr gespannt auf die Strecke. Es soll ja viel Asphalt geben und ich frage mich, wie sich meine Füße schlagen werden. Ich liege gut in der Zeit, laufe mein Tempo, habe die Pilger von der Ermitage hinter mir gelassen. Der Weg ist meist gut markiert.



Irgendwann lasse ich den Höhenzug hinter mir und es geht bergab. Ein Baske gesellt sich zu mir und erzählt ein bisschen auf Spanisch. Er war gerade beim Trekking und hat 2 Brüder in Deutschland, die in Stuttgart bei Mercedes arbeiten. Kurz vor Pasai Donibane verabschiedet er sich und geht in die andere Richtung. Pasai Donibane soll ja ein beschaulicher Fischerort sein, aber heute ist es voller Touristen. Eigentlich wollte ich ja hier Mittagspause machen, aber das verschiebe ich auf San Pedro, nachdem ich dort mit der Fähre übergesetzt habe. Hier ist es doch aber recht windig und ich ziehe bald weiter. Ich folge den Pfeilen und nicht dem Rother und gelange so an der Küstenstraße entlang zu einer aufwärts führenden Treppe. Puh, anstrengend! Oben ist es wieder warm, die Sonne knallt vom Himmel. Am Faro-Parkplatz vorbei, auf dem gerade 3 in Anzug gekleidete Herren diskutieren, geht’s dann auf einen richtigen Küstenweg. Tolle Aussichten! So macht das Spaß!




Die Basken sind übrigens ein wanderbegeistertes Volk, immer wieder kommt mir jemand entgegen. Ich merke meine Füße, die sich an das viele Laufen wieder gewöhnen müssen. Am Monte Ullia und einigen Herbergen vorbei geht es schließlich bergab nach Donostia / San Sebastián. Ich treffe Markus wieder und gemeinsam gehen wir in den Ort. Er will aber noch einen Kaffee trinken, wir verabschieden uns wieder. Es ist viel los. Ich erreiche den 2. Strand (La Concha), ziehe die Schuhe aus und wate durch das Wasser am Strand entlang weiter. Das Meer hat heute eine sehr beruhigende Wirkung auf mich. Ich habe ja eigentlich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Meer. Es ist aber sehr toll heute. Ich wünsche mir mal wieder, ich wäre nicht allein und frage mich, wie ich diese Diskrepanz zwischen dem, was Herz und Kopf sagen, endlich überwinden kann. Aber zum Teil bin ich ja auch deswegen hier, vielleicht gelingt es mir ja hier.



Am Ende des Strandes ziehe ich meine Crocs an und laufe die letzten Meter zur Jugendherberge in ihnen. Ich checke bei einer sehr freundlichen Dame ein. Hier gibt es sogar Bettwäsche, ich muss also heute Nacht nicht im Schlafsack schlafen. Im Schlafsaal unterhalte ich mich mit Estelle, einer Französin auf Englisch, mir fehlen gerade sämtliche französische Vokabeln. Dann gehe ich duschen und fühle mich gleich besser. Ich gehe noch mal in die Stadt, komplett am Strand auf und ab. Jetzt ist noch mehr los, aber es ist ja auch tolles Wetter. Anschließend gehe ich in einem tollen Supermarkt einkaufen. Hier gibt es sogar TK-Stückware. Ich kaufe mir Saft und trinke gleich kräftig, habe Durst. Zurück in der Herberge bereite ich in der Küche meine Aubergine vor, unterhalte mich mit einem deutschen Paar, das von Zuhause an der Ostsee gestartet ist, gehe kurz ins Internet und koche meine Aubergine, Tomaten, Käse, Nudeln. Eine Riesenportion, aber ich habe tagsüber auch nur 4 Scheiben Brot und 5 Pflaumen gegessen. Den Saft trinke ich auch aus. Anschließend schreibe ich noch Tagebuch.                
Schritte: 46.000 (laut iPod-Schrittzähler)