Samstag, 28. September 2013

Südtirol: 5 Tage in der Texelgruppe

1. Tag: Anfahrt und Aufstieg auf die Zwickauer Hütte

Diesmal ist richtig frühes Aufstehen angesagt, denn nach den geplanten 6 - 7 Stunden Anfahrt müssen B. und ich ja auch noch 4 Stunden aufsteigen. Also quälen wir uns um 4:00 raus, machen uns fertig und los geht es schon mit ein bisschen Verspätung. Auf der Autobahn kommen wir einigermaßen gut durch und machen in Holzkirchen Frühstückspause. Dann geht es weiter nach Kiefersfelden, wo ich ein Pickerl kaufe. Dann bin auch schon das erste Mal als Fahrerin auf einer österreichischen Autobahn unterwegs. In Innsbruck tanken wir noch und schon sind wir auf der Brennerautobahn. 

Mittlerweile ist es schon fortgeschrittener Vormittag und die Sonne scheint. Wir durchqueren die Brenner-Mautstelle, wo ich das letzte Mal vor etwa 20 Jahren war. Ein kurzer Halt noch auf einem Parkplatz und hinter der Grenze fahren wir in Sterzing schon wieder runter von der Autobahn. Danach geht es ewig Richtung Jaufenpass rauf und auch wieder runter. Mittlerweile bereue ich es nicht mehr, so früh aufgestanden zu sein, denn als wir Pfelders (1628m) endlich erreichen, ist es auch schon 13:00. 
Wir parken an der Liftstation, ziehen uns um, packen die Reste zusammen und dann starten wir zu unserem ersten Ziel, der Zwickauer Hütte. Das Örtchen streifen wir nur peripher, dann geht es bergauf auf guten Pfaden. Mittlerweile ist es sogar richtig warm. Ich muss bald eine Pause einlegen und was essen, dann geht es mir besser. Immer entlang diversen Bächen geht es stetig bergauf. Ein paar Tageswanderer kommen uns entgegen. Pfelders und der Parkplatz mit meinem Auto werden unter uns immer kleiner.


Auf der unteren Schneidalm (2159) kehren wir auf ein Holler ein, B. isst noch ein Stück leckeren Kuchen. Es hat schon ein bisschen abgekühlt und früher wird es ja auch nicht mehr, als gehen wir bald weiter. Immer weiter bergauf geht es. Gen Süden können wir bald die nahen Bergzüge überblicken und haben eine tolle Aussicht in die Dolomiten. Ich erkenne bekannte Gesichter wie den Sella-Stock und die Marmolada.


Nun wird es spürbar kälter und der Wind frischt ganz schön auf. Wir schlüpfen in unsere Jacken, Mützen und Handschuhe. Unser Tagesziel können wir schon erkennen, aber nun müssen wir erstmal uns über Blockwerk und Schneefelder gegen den eiskalten Wind stemmen. Dunkle Wolken ziehen vorüber. Dann ist die Zwickauer Hütte (2989m) erreicht. Bei 2°C Außentemperatur steht die Eingangstür geöffnet, im angrenzenden Schuh- und Trockenraum ist es eiskalt. Das ist das erste Mal, dass ich in eine Hütte komme und friere. Na, das geht ja schon mal gut los. Im Lager ist es auch nicht wirklich wärmer, da die Fenster offen sind. Wer tut so etwas? Es ist schon klar, dass es auf fast 3000m nicht besonders warm ist und ich verstehe auch, dass man mal lüften muss, aber wie soll man die Hütte warm bekommen? Weil wir den Waschraum nicht gezeigt bekommen und auch nirgendwo Hinweisschilder stehen, waschen wir uns im Flur im ersten Stock. Am Ende sind meine Finger fast blau. Ich wasche mich auch sonst auf den meisten Hütten kalt und habe normalerweise auch kein Problem, mir die Haare mit kaltem Wasser zu waschen, aber hier... nun ja, Haarewaschen will ich glücklicherweise erst morgen. Ich ziehe mich dick an und wir gehen in den Gastraum. Der Ofen ist kalt, die einzige Wärme kommt aus der Küche. Wenigstens gibt es bald was Warmes zu essen, da wird das ein bisschen besser. Draußen ist es immer noch genauso kalt und windig, aber die Abendstimmung und die Aussicht sind schön. Drinnen wärmen wir uns, so gut es geht, mit Tee und Wein.

Hohe Weiße (3278m)

2. Tag: Pfelderer Höhenweg zur Stettiner Hütte

Scheinbar habe ich diese Nacht nicht nur gezittert, sondern irgendwie auch geschlafen. Warm ist mir trotzdem nicht, als ich aufstehe. Wir beschließen, nicht den Hinteren Seelenkogel zu besteigen, weil es immer noch so kalt, aber wenigstens nicht mehr so windig ist, sondern gleich in Richtung Stettiner Hütte zu starten. Die Sonne scheint. Wir steigen ein Stück wieder ab und dann geht es auf dem Pfelderer Höhenweg weiter. Es dauert eine Weile, bis wir ein schönes Plätzchen zum Frühstücken finden. B. schmeißt den Gaskocher für Kaffee und Tee an. Beim Ordnen meiner Sachen fällt meine Sonnenbrille über die Kante und verschwindet trotz Suche nicht mehr gesehen aus meinem Leben. Überhaupt fällt mir gerade viel herunter. Hm...
Weiter geht es und immer wieder überqueren wir kleine Bäche, die sich ihren Weg ins Tal bahnen. Die Stettiner Hütte können wir vor uns schon erkennen.





Wir machen langsam, denn weil wir ja den Gipfel ausgelassen haben, haben wir noch viel Zeit. So machen wir immer wieder Pause und genießen die Sonne. Die Stettiner Hütte und damit auch der Meraner Höhenweg kommen immer näher. Wir sehen einige Leute auf dem Hauptweg laufen. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Stettiner Hütte (2875m). Hier gibt es erst mal ein Holler und ein Stück Kuchen für B., bevor wir ins Lager einchecken. Dort ist es warm und sogar das kalte Wasser aus der Leitung ist lauwarm, perfekt zum Waschen.


Blick hinüber auf die Zwickauer Hütte
Wir sitzen noch lange außen, bis die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Im Gastraum ist es schon proppenvoll, als wir endlich reingehen. Wir sitzen mit einigen Sachsen und einer Dame, die, seit sie hier in der Texelgruppe abgestürzt ist, nicht mehr klettert, sondern nur noch wandern kann, am Tisch. Wir unterhalten uns gut und spielen nach dem Essen noch eine Runde Mensch-ärgere-dich-nicht. Der Wein ist gut und der Holunder-Schnaps auch, so wird es in dieser Gesellschaft ein lustiger Abend. Draußen funkeln derweil Millionen Sterne am Nachthimmel.

3. Tag: Hohe Wilde und Übergang zum Lodnerhütte

Ich schlafe mäßig, bis der Wecker in aller Frühe klingelt. Ich packe all meine Sachen in den Schlafsack und mache meinen Rucksack auf dem Flur fertig, um die Schlafenden nicht zu stören. Jedoch stehen immer mehr Leute auf. Noch bevor die Sonne die Berge überstiegen hat, machen wir uns auf den Aufstieg zur Hohen Wilde. Wir erleben einen tollen Sonnenaufgang und finden auch bald einen Platz für das Frühstück.






Mit uns sind schon andere Gipfelaspiranten auf dem Weg. Einige überholen uns nach unserer Pause. Bald wird der Weg steiler und es zeigen sich die ersten versicherten Wegabschnitte. Gut, dass wir unsere Kletterhandschuhe eingepackt haben. Teilweise schmal und ausgesetzt, steil und rutschig erreichen wir irgendwann den Vorgipfel und wenig später den Südgipfel der Hochwilde (Hohe Wilde, 3480m). So hoch war ich noch nie! Nach Norden haben wir eine tolle Sicht auf die Ötztaler Gletscher, nach Süden über den Gipfel der Hohen Weißen bis in die Dolomiten. Wir gönnen uns eine Tafel Gipfelschoki und machen einige Fotos.





Aber wir haben ja noch einiges vor heute, also halten wir uns nicht lange auf, sondern beginnen bald mit dem Abstieg. Nun kommen uns immer mehr Leute entgegen. Am frühen Mittag erreichen wir wieder die Stettiner Hütte, wandern hinüber zum Eisjöchl, hinter welchem wir bald wieder nach links vom Hauptweg Richtung Johannisscharte abzweigen. 

Stettiner Hütte

Wir haben schon gut Hunger. Doch gerade, als wir uns auf die Suche nach einem Platz für die Mittagspause machen wollen, hören wir Hilferufe, die wir zuerst nicht lokalisieren können. Die Sonne brennt mittlerweile vom Himmel, es ist windstill und wir durchqueren eine Blockhalde. Bald sehen wir Leute an der Johannisscharte stehen. Immer wieder schaue ich auf mein Smartphone, doch nie habe ich Empfang. An eine Pause ist nun natürlich nicht zu denken. Zügig steigen wir sehr steil und steinig Richtung Scharte. Zwei junge Männer stürmen uns entgegen und berichten, ein Kamerad von ihnen wäre abgestürzt, aber bei Bewusstsein. Sie sind auf dem Weg zum Eisjöchl bzw. der Stettiner Hütte, um Hilfe zu benachrichtigen. Ich hole meine Trillerpfeife aus dem Rucksack und pfeife immer wieder das Notsignal. Bald höre ich Pfiffe aus dem Tal. Ob es was genützt hat? Der Weg wird nun richtig steil und anspruchsvoll. Immer wieder rutscht Schutt unter mir weg und auch die Seilsicherung hilft nur an einigen Stellen weiter. Bald hören wir jedoch einen Helikopter auf der anderen Seite der Scharte herannahen. Die Hilfe ist da. 
An der Scharte stehen zwei weitere junge Männer, die wohl mit einer Gruppe Studenten und ihrem Professor hier unterwegs sind und einen von ihnen hat es erwischt. Wir erreichen die größere Gruppe gerade, als ein entgegenkommender Wanderer, der wohl bei der Heli-Rettung dabei war, berichtet, dass der Gestürzte sich wohl einen Arm und mehrere Rippen gebrochen habe, aber wohl ein Kämpfer sei. Nun können wir auch unbesorgt unseren Weg fortsetzen. Wir steigen noch ein gutes Stück bergab, bevor wir endlich ein schönes Plätzchen für die verspätete Mittagspause finden. Heute gibt es Couscous mit Tomatensoße und Gurke.
Wir genießen die Sonne, denn nun ist es nicht mehr weit. Bergab geht es am Bach entlang, der sich seinen Weg teilweise unter Schneefeldern hindurch bahnt, zur Lodnerhütte (2259m). 



Hier checken wir in gemütliche Lager mit Stockbetten ein. Es gibt sogar warmes Wasser aus der Leitung. Wir sitzen auch hier noch außen, bis die Sonne hinter den Bergen verschwindet und es auf einmal kalt wird. Wir essen im Gastraum und spielen noch viele Runden Mau-Mau.


4. Tag: Franz-Huber-Steig zum Hochganghaus

Heute schlafen wir aus, denn vor uns liegt ein gemütlicher Tag. Trotzdem liegt das Tal noch im Schatten, als wir starten. Wir überqueren den Bach und auf der anderen Talseite viele Kuhfladen. Unser Pfad führt mehr oder weniger eben am Hang entlang. Bald verlassen wir das trittgefährliche Gebiet und finden unseren Frühstücksplatz an den Überresten einer alten Alm. Die Sonne übersteigt so langsam die Berge, jedoch hängen heute einige Wolken im Tal und es ist diesig. Weiter geht es am Hang entlang. Bald kommt die erste seilversichere Stelle, die wir aber ohne Probleme überwinden. Über Hangwiese und Felsblöcke geht es noch ein Stück bis zur Leiter. Anschließend immer wieder auf und ab. Der Hang rechts neben uns wird immer steiler, der Pfad ist an einigen Stellen recht schmal. Nichts für Leute, die nicht schwindelfrei sind.























Wir haben Sicht auf Meran, am Horizont ragen einige Dolomitengipfel aus den Wolken. Weil wir heute ja viel Zeit haben, machen wir noch einen Abstecher auf die Sattelspitze. Hier am Gipfel sind allerdings viele Fliegen und fliegende Ameisen unterwegs, was die Gipfelfreude doch etwas trübt. 


So bleiben wir nicht allzu lang. Weiter geht es auf dem Franz-Huber-Steig bis zur verlassenen Hochbodenalm, wo wir unsere Mittagspause machen und noch ein bisschen in der Sonne liegen, weil wir wissen, dass es nun nicht mehr weit ist.


Schließlich geht es irgendwann noch mal ein Stück im Wald bergab und wir erreichen bald das Hochganghaus (1839m), das vor einigen Jahren komplett neu errichtet wurde. Wir bekommen 2 Plätze in einem 6-Bett-Lager und gönnen uns zur Feier des Tages noch 2 Duschmarken.


Gegen Abend ziehen immer mehr Wolken an die Berge. Wir essen heute draußen, trinken innen noch Wein und gehen früh in die Betten.

5. Tag: Rückweg nach Pfelders

Weil heute wieder ein langer Tag ansteht, klingelt der Wecker in aller Früh. Im Haus ist noch kein Mucks zu hören und wir packen unsere Sachen leise im Flur zusammen. Im Dämmerlicht verlassen wir die Hütte. Draußen ist es neblig, aber nicht kalt. Der Weg ist trotzdem gut erkennbar. Zuerst geht es eine Weile durch den Wald bergauf. Bald wird es felsiger, wir erreichen die Baumgrenze und es geht nun einen steilen und immer wieder seilversicherten Felspfad hinauf. Es wird zwar etwas heller, dafür beginnt es bald, zu nieseln. Ich schlüpfe in meine Regenjacke und ziehe die Rucksackhülle auf. Eine weise Entscheidung, denn wenig später regnet es ganz. In Nebel und Regen gehen uns jeglicher Sinn für Zeit und Höhe verloren. Wir steigen immer weiter auf und erreichen schließlich unbeschadet das Hochgangschartl (2441m). Ein paar Tage später zurück in Deutschland erfahren wir, dass wenige Stunden nach uns eine Deutsche hier beim Aufstieg tödlich verunglückt ist. Auch die Spronser Seen liegen in den Wolken, aber es regnet nicht mehr und macht auch nicht den Anschein, als würde es nochmal beginnen.


Über und neben Blockwerk gehen wir am Langsee entlang. Wir begegnen einer Herde Ziegen, die uns neugierig beobachten. Mit dem Nebel hat die Szenerie etwas Bizarres.


Langsam zeigt sich die Sonne immer öfter und bald entscheiden wir uns für einen Felsblock am Langsee zum Frühstücksplatz. Es ist ja auch schon spät und wir sind entsprechend hungrig.


Weiter geht es noch an anderen schönen Seen im Nebel vorbei. Mittlerweile kommen uns auch schon einige Wanderer aus dem Spronser Tal entgegen. Eigentlich schade, denn hier oben ist es wirklich romantisch.


Bald erreichen wir mit dem Spronser Joch (2581m) unseren höchsten Punkt des Tages. Wir wählen den Weg ins Falschnaltal. Vom Falschnaljöchl (2417m) geht es nun wieder ins Pfelderer Tal hinab. Erst über eine große Kuhweide, dann immer in der Nähe des Baches vorbei an Felsblöcken, Blumen, Pferden. Viele Tageswanderer kommen uns dabei entgegen. An der Falschnalalm machen wir noch einmal kurz Pause und gönnen uns noch eine Abschlussschokolade. Von hier aus führt ein Waldweg zurück nach Pfelders, zum Auto, in die Zivilisation. Die Heimfahrt ist problemlos. 5 schöne Tage sind viel zu schnell zu Ende.