Mittwoch, 29. Januar 2014

Thorung High Camp (4800m) -> Thorung La (5416m) -> Muktinath (3760m)



Ich träume mal wieder von der Arbeit. Der Wecker klingelt um 4:40 und entgegen aller Überlegungen ist noch nicht mal das Wasser in der Plastikflasche gefroren. Ich fummle meine Kontaktlinsen rein und packe meinen Rucksack komplett. Wir nehmen unser ganzes Zeug schon mit in den Frühstücksraum, wo ein Gewimmel wie im Bienenstock herrscht. Wir bekommen bald unser Frühstück und um 5:15 machen wir uns mit Stirnlampen auf den Weg. Es ist sooo kalt! Trotz 2 Paar Socken und Bewegung fühle ich meine Zehen bald nicht mehr. Wir laufen in Kolonne und müssen immer wieder stehen bleiben. Meine Finger fangen schon an, weh zu tun. Es sind einige Leute ohne Licht unterwegs, die natürlich nicht sehen, wo der Weg gefroren ist. Wir können an einer Stelle überholen und schneller aufsteigen, aber es ist so anstrengend. Beim Frühstück hieß es, es seien -10°C draußen, aber mit Wind wird das noch deutlich schlimmer. D. geht schnell voraus, aber ich kann seinem Tempo nicht folgen. Ich muss immer wieder stehen bleiben und durchatmen, auch wenn es so kalt ist und ich Finger und Zehen kaum noch spüre. Ich überlege, wie lange es wohl dauert, bis man irreversible Erfrierungen bei diesen Bedingungen bekommt. Keine Ahnung. Ich bekomme ein wenig Seitenstechen rechts. 

Kolonnenlaufen in eisiger Dunkelheit

Langsam wird es heller, bald wird die Sonne aufgehen, aber damit wird es auch windiger. Ich kann bald gar nicht mehr atmen, habe ich das Gefühl, bekomme einen dicken Kloß im Hals. Auf Höhe des Teehauses beim Aufstieg (5080m) geht erstmal gar nichts mehr. Kurze Pause. Ich kriege mich einigermaßen schnell wieder ein, weiß ja, dass ich weiter muss. Und es geht sooo langsam. Das regt mich auf, aber ich kann es nicht ändern. Hier oben ist eben alles anstrengender, schwerer, schwieriger. Die Sonne kommt irgendwann hinter den Bergen vor und als ich Fotos machen möchte, entscheidet mein Akku ausgerechnet in diesem Moment, jetzt leer zu sein. Ich bin mir sicher, dass es an der Kälte liegt und er im Warmen noch ein paar Mal funktionieren wird, aber das hilft ja alles nichts, wenn ich jetzt Fotos machen möchte, muss ich jetzt den Akku wechseln. Verdammt. Also raus aus den Handschuhen. 

kurze Pause am Teehaus (5080m)

Langsam wird es Tag...

...und die Sonne erscheint.

Weiter geht’s aufwärts, jetzt zwar nicht mehr so steil, aber es bleibt trotzdem anstrengend. Hier oben ist es jetzt hügelig. Viele Leute, vor allem Träger, sind unterwegs. Ich wünsche mir nur noch, dass es endlich vorbei ist und wir den Thorung La erreichen. Die Sonne wärmt zwar schon ein bisschen, aber der Wind… Ich habe schon wieder ein bisschen Kopfweh, aber Hunger oder Appetit habe ich trotz der Anstrengung nicht. Habe ich jetzt auch AMS oder ist es nur Dehydratation? Viel getrunken habe ich bisher nicht und das Wasser in der Plastikflasche ist mittlerweile fast komplett gefroren. Das ehemalige warme Wasser aus der SIGG-Flasche schmeckt nach altem Tee. Bäh. 

Der Weg ist hier flacher. Aber die Höhe strengt dennoch sehr an.

Nach vielen kurzen Pausen zum Durchatmen kommt der Pass in Sichtweite.


Dann ist es endlich soweit: Viele Fähnchen und zwei Denkmäler tauchen vor uns auf und dann haben wir es geschafft. 7:45 und der Thorung La ist erreicht. Wir satteln die Rucksäcke ab, fallen uns in die Arme und heulen vor lauter Erleichterung. Ich mache ein paar Schaf-Fotos mit dem Smartphone und frage mich, wann ich eins davon wohl auf Facebook posten kann. Dann sind meine Hände so kalt, dass ich das Fotografieren komplett A. überlasse. Wir machen einige Fotos vor dem Schild, aber es ist so kalt, dass wir uns bald auf den Abstieg machen. 


Unglaublich! Wir haben es geschafft :)

Blick in Richtung Mustang

Blick zurück Richtung Thorung La

Mustang, das alte Königreich, liegt vor uns. Braunes Land, schneebedeckte Berge. Auf dem ersten Teil des Abstiegs überholen wir gleich mal ein paar gestandene deutsche Mannsbilder mit den tollsten Klamotten und Mini-Rucksäcken. Ihre Porter haben deutlich mehr zu tragen. Aber diese Gruppe gibt mir wenigstens das Gefühl, es richtig mit all meinem Gepäck geschafft zu haben. Anfangs ist der Weg noch gut, der Schnee griffig, immer mal wieder auch Sandwege. Mein Kopfweh und meine Übelkeit werden stärker, auch wenn wir schnell absteigen. Die Sonne wärmt mehr, aber an einigen Stellen weht ein starker Wind. Die Wege werden rutschiger, gefrorene Platten liegen frei. Herumgehen geht meist gut. An einer steinigen Umgehung passiert es dann: der Weg gibt unter mir nach, ich rutsche weg und falle hin, stoße mir das linke Knie und die rechte Arschbacke. Aber damit komme ich wohl noch glimpflich davon. A. berichtet später, mein Sturz habe schlimm ausgesehen. Sie nimmt mir die Stöcke ab und ich arbeite mich am Hang wieder hoch. Nichts passiert, ich bin nur dreckig. Aber mir ist jetzt richtig warm, so dass ich mich bei der nächsten Gelegenheit einiger Schichten entledige. Nur die lange Unterhose und das zweite Paar Socken lasse ich notgedrungen an.

Der Weg hinab nach Muktinath ist aber auch nicht ohne.

Und er zieht sich.

 Das Kopfweh wird schlimmer und jetzt bekomme ich auch noch Schwierigkeiten mit meinen Kontaktlinsen. Sie sind trocken und die rechte sitzt nicht mehr richtig, so dass ich dort Doppelbilder sehe. Mist, aber momentan nicht zu ändern. Die Wege werden rutschiger. Ein Nepalese, der nur abgelaufene Turnschuhe trägt, fällt immer wieder. An einer Stelle bahnen wir uns den Weg hangabwärts parallel zum vereisten Weg durch den Schnee. Es geht eine ganze Weile, bestimmt 150 Höhenmeter. Anschließend wieder auf dem Weg rutsche ich nochmals aus und falle, tue mir aber auch diesmal nichts Ernstes. Mein Kopf fühlt sich an, als würde er bald explodieren. Toll. Wir sehen schon Charbabu unter uns und mittlerweile rutsche ich bei jeder Gelegenheit. Endlich erreichen wir das Dorf, das eigentlich nur aus aneinander gereihten Lodges und Restaurants besteht. D. fragt, ob wir eine kurze Pause machen wollen. Ich sage, lieber eine lange. Wir setzen uns in die Sonne, trinken unser aufgetautes Wasser und Lemon Tea, ich nehme wieder eine Ibu. Auf der Toilette stelle ich fest, dass mein linkes Knie ein bisschen aufgeschürft und blau ist. Naja, laufen kann ich ja trotzdem. Mein Kopfweh verschwindet ein bisschen und ich esse die Kekse, die ich mir gestern als Notration gekauft habe. Naja, meine 3 Fruchtriegel hätten es auch getan. Egal. Mit noch ein bisschen Kopfweh geht es weiter bergab. Jetzt sind die Wege besser, in der Sonne ist es auch richtig warm. Es geht über eine Hängebrücke und kurz darauf kommen wir schon an der Tempelanlage von Muktinath, nach Pashupathinath in Kathmandu das zweitheiligste der Hindus in Nepal, vorbei. Der Ort ist noch ein Stück weiter bergab. 

Muktinath liegt vor uns.

Einige Verkäuferinnen weben Schals am Weg und verkaufen diese, Mützen, Handschuhe, Schmuck und einiges mehr. Wir checken heute im Hotel Buddha ein. Es ist 12:00. Die Häuser schauen hier viel stabiler aus, sind Steinbauten. Wir bekommen ein 3-Bett-Zimmer mit eigenem Bad inkl. Sitzklo und heißer Dusche. Was für ein Luxus! Wir richten uns ein bisschen ein, machen uns frisch, dann gehen wir ins Restaurant zum Mittagessen. Wir bestellen Gemüse-Pizza und bekommen zwei richtig leckere. Es gibt hier sogar WiFi, was ich gleich ausnutze. Anschließend gehen wir mit D. noch mal bergauf und schauen uns die Tempelanlage an. Wir versuchen, den Glückstein zu heben, schaffen es aber alle drei nicht. Dann erfrischen wir uns noch mit dem Wasser aus den 108 Wasserspeiern. 

leckere Gemüse-Pizza

Eingang zur Tempelanlage


108 Kuhköpfe speien eisiges Wasser

Anschließend gehen wir zum Hotel zurück und genießen die Dusche. Das erste Mal Haare waschen seit 6 Tagen! Dann gehen wir uns noch den Ort und die Souvenirstände anschauen. Mich würde ja noch eine Mütze interessieren, aber ich finde keine, die mich anspricht. A. kauft sich Wollhandschuhe, die man zu Fingerlingen zurückklappen kann. Wir sitzen dann noch eine Weile auf der Dachterrasse in der Sonne, quatschen, gucken ins Internet, bis es zu kalt ist und wir in das Restaurant wechseln. Bald ist es schon Zeit fürs Abendessen. Die Indonesierin ist auch hier und der Engländer aus Upper Pisang. Ansonsten noch einige unbekannte Franzosen. Ich esse Frühlingsrollen mit Pommes, auch wenn ich nicht wirklich hungrig bin. D. stellt uns das Programm für die nächsten Tage vor, aber irgendwie fehlen 2 Tage. Komisch. Zwischendurch gibt es Stromausfall. Aber irgendwann geht das Licht wieder an. Ich nutze noch ein bisschen das WiFi und dann gehen wir mit unseren Wärmflaschen schlafen.

Webstuhl am Straßenrand

Dienstag, 28. Januar 2014

Ledar (4200m) -> Thorung High Camp (4800m)



Ich schlafe nicht so lang. Ich weiß nicht, wie ich liegen soll, dann bekomme ich keine Luft, weil ich das Kopfloch vom Schlafsack im Schlaf weggedreht habe. Dann muss ich Nase putzen. Irgendwas ist immer. Um 6:30 schälen wir uns wieder aus den Schlafsäcken. Es ist kalt. Das Wasser in unseren Plastikflaschen ist größtenteils gefroren. Brr! Wie immer packen wir schnell, ich mache mir heute meine Kontaktlinsen rein, denn es wird bestimmt hell, und gehen zum Frühstück. Es ist so kalt! Selbst die heiße Milch vom Müsli ist jetzt nicht so warm. Brr. Ich lasse mir noch eine Flasche Heißwasser geben, während A. noch einen Tee trinkt. Dann sind wir so weit und es geht los. In der Eiseskälte. Jeder Höhenmeter ist anstrengend. Ich überlege, was ich morgen anziehe, wenn wir mitten in der Nacht starten. Die lange Unterhose werde ich anlassen. Und eins von den dicken Oberteilen drunter ziehen. 2 Paar Socken. Leider habe ich nur ein Paar Handschuhe, das zweite habe ich daheim vergessen. 

klarer Morgen

Langsam wird es wärmer. Die Sonne steigt am wolkenlosen, unglaublich blauen Himmel immer höher, hat schon die andere Talseite erreicht. Bald sind wir bei der Hängebrücke, dessen Schattenseite noch gefroren ist. Das werde ich nicht vermissen, vor allem, wenn auf der Brücke noch 6 Leute hinter mir her wackeln. Es geht bergaufwärts in der Sonne und bald ziehe ich die Weste aus und setze die Sonnenbrille auf. Der Schnee ist so unglaublich hell. Und ich wollte die Sonnenbrille ja auch nicht umsonst mitgenommen haben. Bald geht es noch mal etwas steiler zum Teehaus, wo wir noch mal eine kleine Pause einlegen. Von hier ist es ja auch nur noch eine Dreiviertelstunde bis Thorung Phedi. Leicht auf- und abwärts führt der Weg weiter. An einigen Stellen ist er ziemlich rutschig. Ich setze mich einmal auf den Allerwertesten, aber alles ist gut, nichts passiert. Trotz allem finde ich es heute anstrengender als gestern. Als wir Thorung Phedi erreichen, ist es gerade mal halb 10. Mir kommt es später vor und ich habe auch schon Hunger. Deswegen bestelle ich mir ein Stück Apple Pie. 

Thorung Phedi (4520m) kommt in Sicht

leckere Zwischenmahlzeit

Brr!

Wir sitzen draußen in der Sonne. Ich stelle fest, dass ich auf beiden Handrücken Sonnenallergie bekommen habe. Aber noch juckt es nicht. Wir machen länger Pause, was ich aber auch brauche. Heute ist nicht so mein Tag. Wir wissen ja schon aus dem Buch und von D., dass es nun ca. eine Stunde lang recht steil ins High Camp weiter geht. Aber trotzdem muss ich gefühlt alle 10 Höhenmeter anhalten und durchatmen. In meiner Nase kribbelt es die ganze Zeit, aber ich muss nie niesen. Am Helikopterlandeplatz ein Stückchen oberhalb von Thorung Phedi warten ein paar Leute. Wir steigen etwa 20 Minuten weiter auf und bewundern die Stille, als wir den Helikopter kommen hören. Er landet und einige Leute steigen ein. Später erfahren wir, dass ein Nepalese von einem Steinschlag getroffen wurde und sich das Bein getroffen hat. Noch später erfahren wir, dass wohl ein Trekker die Höhenkrankheit bekommen hat und ins Tal gebracht werden musste.


Thorung Phedi von oben

die letzte Rettung...

Wir sehen die beiden alten Männer von gestern wieder, die sehr langsam Richtung High Camp aufsteigen. Ich muss oft anhalten und mich auch ab und zu setzen. Dann ist es endlich soweit: hinter einer Kurve kommt das High Camp in Sicht. D. geht schon mal vor, wir steigen langsam nach. Kurz darauf kommen wir auf 4800m an. Schnee liegt, es ist unglaublich hell, der Himmel so unglaublich blau. Es ist sogar richtig warm in der Sonne. Eine freundliche und friedliche Atmosphäre herrscht hier oben. Unglaublich, dass wir es bis hierher geschafft haben. 

das High Camp in Sichtweite

Wahnsinn...

Outhouse

Wir bekommen ein Zimmer, richten uns kurz ein und gehen dann in den Gastraum, der gerade schön durch die Sonne aufgeheizt wird. Leider gibt es hier keinen Ofen. Aber hoffentlich wird das die letzte kalte Nacht. Wir essen lecker zu Mittag. Auch hier oben gibt es noch eine riesige Auswahl an Speisen. Wahnsinn. Das hätten wir nie gedacht. Ich esse Chapati mit Käse. Lecker! Mein Vollkornbrot mit Camembert, auf das ich so Lust hätte, gibt es auch hier leider nicht. Wir unterhalten uns mit einigen älteren Franzosen, die vor der Annapurna-Runde noch den Manaslu- und den Nar-Phu-Trek gemacht haben. Krass. Nach dem Essen besteigen wir den Hausberg des Camps, den ich „Mont Blanc“ getauft habe, auch wenn er wohl ca. 100m höher ist als sein Namensvetter. Es geht durch Schnee aufwärts, auch das ist wieder anstrengend. Von oben haben wir aber eine tolle Aussicht. Thorung Phedi liegt tief unter uns. Noch immer ist keine Wolke zu sehen. Einfach unglaublich. Wir können ein kleines Stück vom morgigen Weg sehen. Der führt natürlich wieder aufwärts, aber morgen liegen ja auch noch mal 600 Höhenmeter vor uns. Aber wenigstens haben wir schon das Stück von Thorung Phedi zum High Camp geschafft. Wir steigen wieder ab und gehen noch ein kleines Stück vom morgigen Weg, kehren aber bald wieder um. Der Tag war anstrengend genug, wir wollen es nicht wieder so übertreiben wie gestern.

der Hausberg vom High Camp

tolle Aussicht vom Hausberg

Thorung Phedi ganz klein

Wasser holen


Zurück im Camp treffen wir die zwei Agrar-Mädels und das Paar mit den Mountainbikes, die jetzt zwei Porter angeheuert haben, die die Räder schieben. Wir machen Katzenwäsche mit Feuchttüchern. Ich räume noch ein bisschen Kram in meinem Rucksack auf. Wir stehen noch ein bisschen in der Sonne, putzen die Zähne und gehen dann in die Gaststube. Ich bin sehr müde. Langsam verschwindet die Sonne und es wird kalt. A. holt heißes Wasser. Ich habe minimal Kopfweh, überlege, ob ich noch eine Ibu einwerfe. Das mache ich auch. Wir sitzen mit den Franzosen und einigen Chinesen am Tisch, dann noch einer netten Indonesierin, mit der wir viel reden und einem Holländer, der etwas bleich im Gesicht ist. Er meint, er habe Kopfweh und ihm sei flau im Magen. Da er mitbekommen hat, dass wir Krankenschwestern sind, fragt er nach unserer Meinung. Nachdem er in den letzten Tagen schon ähnliche Probleme hatte, tippen wir stark auf AMS. Er meint auch, es ginge ihm wirklich nicht gut. Draußen fängt es an zu dämmern und nach 5 Minuten beschließt er, zusammen mit einem Träger abzusteigen. Die Indonesierin verabschiedet sich und dann ist er weg.

Schneehühner

Langsam verschwindet die Sonne...

Abendstimmung

Unser Essen kommt auch bald: Rösti mit Käse für mich. Schmeckt und macht zumindest ein bisschen warm für den Moment. Aber wärmer wird es nicht, also zahlen wir hier schon abends und bekommen noch unsere Wärmflaschen. Dann eile ich noch mal auf die Toilette und presse jeden Tropfen aus meiner Blase. Wir kuscheln uns mit all unseren Klamotten in die Schlafsäcke. Ich drehe mich ein wenig hin und her. Aber verdammt: ich muss noch mal aufs Klo. Also noch mal raus in die Kälte. Es kommt noch mal einiges. Anschließend kuschle ich mich wieder in den Schlafsack und mir wird sogar warm. Wärmer als die letzten Nächte und ich kann gut schlafen.

Montag, 27. Januar 2014

Manang (3540m) -> Ledar (4200m)



Eine furchtbare Nacht. Ich muss aufs Klo, will den warmen Schlafsack aber nicht verlassen. Draußen bellt ein blöder Köter und ein paar Yaks schreien. A. kann auch nicht mehr schlafen. Um 6:30 schäle ich mich aus dem Schlafsack und gehe aufs Klo, wo sich gerade ein Franzose in aller Seelenruhe die Haare wäscht. Irgendwann hat er es aber geschafft und endlich darf ich. Dann machen wir uns wie gewohnt fertig und gehen frühstücken. Im Gastraum herrscht ein Kommen und Gehen und eine Lautstärke, was es nicht wirklich einfach macht, das Apfelmüsli zu genießen. Wir machen schnell fertig und starten dann. Draußen ist fast wolkenloser blauer Himmel, aber es ist arschkalt. Mit Handschuhen starte ich. Durch den alten Ortsteil verlassen wir Manang leicht bergauf. Heute haben wir ja wieder unser volles Gepäck dabei, aber es geht erstaunlich gut mit dem Laufen. Bald erreichen wir gleichzeitig mit ein paar Portern Tangki und weiter geht es durch winterliche Landschaft. Der Weg ist teilweise vereist, wo die Sonne nicht hin scheint. 

Manang am Morgen

Rückblick auf Manang

Nach einer Weile erreichen wir Gunsang und uns erreicht das Gerücht, dass Ledar mit Franzosen ausgebucht sei. Das wäre natürlich echt unfair und pisst mich voll an, weil wir gut unterwegs sind und es gut und gesund bis Ledar schaffen sollten. Ein paar Wolken ziehen auf. Wir überqueren eine Hängebrücke, dann geht es bergauf, an einer Mani-Mauer vorbei und dann ist Yak Kharka auch schon in Sicht. Es ist halb 11. 


Schneemann in Nepal

Rückblick auf das Gangapurna-Massiv

klares Wetter

Ein paar Lodges sehen zwar schon einladend aus, aber wir probieren es trotzdem mit Ledar. Aufwärts geht es kühl weiter, momentan ist es recht bewölkt. Durch tundraartige Landschaft mit bodenbedeckenden Büschen, Felsbrocken und dem einen oder anderen Yak. D. geht schon mal vor, um uns Plätze zu organisieren. Wir schleichen hinterher, überqueren eine Hängebrücke und dann sehen wir Ledar schon vor uns. D. winkt uns von einer Lodge entgegen. Wir bekommen ein großes Zimmer im Chulu Lattar. Wir räumen ein bisschen Kram aus und gehen dann in den Gastraum, wo wir Lemon Tea trinken und Suppe mit leckerem Chapati essen. Momentan sind wir die einzigen Gäste. 

Das Ziel in Sichtweite: Chulu Lettar / Ledar

Chapati und Suppe

Gegen halb eins machen wir uns mit kleinem Gepäck auf den Weiterweg, um noch ein paar Höhenmeter zur Anpassung zu machen. Leicht bergauf geht es auf guten Wegen durch die Steppe. Die Sonne lässt sich immer mal wieder sehen, ansonsten ist es schon ziemlich kalt. Ich trage ein Langarmshirt über meinem Unterhemd, meine Polartec-Weste und die Softshelljacke. Und Handschuhe und ein Buff. Wir überqueren den Fluss über eine Holzbrücke. Das Tal wird enger. Hier liegt noch viel Schnee. Es ist eine recht lebensfeindliche Landschaft. Es geht steil bergauf. Oben erwartet uns eine Teestube mit freundlichen Menschen. Wir gehen weiter, machen noch ein paar Höhenmeter. Wir überholen zwei alte Männer mit großen Rucksäcken, an denen sogar Eispickel hängen. Ein Jogger überholt uns auf ca. 4450 Höhenmetern. Okay...
 
dickes Fell

kalte Landschaft

kalte Hängebrücke

Bald kommt Thorung Phedi in Sicht. Wir beschließen, umzukehren. Also geht es wieder vorbei an den alten Männern, dem Teehaus, einigen Yaks, über eine Hängebrücke. Ich muss aufs Klo und habe Hunger. Blöd. Aber glücklicherweise geht es fast nur eben oder bergab, so dass der Rückweg nicht so anstrengend ist. In der Lodge ziehe ich mich um, esse einen Früchteriegel und dann sitzen wir im Gastraum am Ofen, der bald mit Yak-Dung geheizt wird. Wir lernen 2 Mädels kennen, die über ein Agrarprojekt nach Nepal gekommen sind und ein Ehepaar, das ein Sabbatjahr macht und durch die Welt tourt. A. und ich haben Kopfweh. Vielleicht war es doch etwas zu viel heute. Aber wir haben Hunger und Appetit. Das ist gut. Der Ofen heizt nicht so doll. Wir gehen bestimmt bald ins Bett.
Das Essen kommt pünktlich. Ich esse Makkaroni mit Käse und leckerer Tomaten-Knoblauch-Soße und A.s Reisreste. Vorher hatten wir schon je eine Ibu eingeworfen und sofort ist es besser geworden. Das Essen tut sein übriges und bald geht es uns richtig gut. Wir lassen uns gleich wieder Heißwasserflaschen geben und verschwinden in den Schlafsäcken. Dick eingepackt. Am Ofen war es ja auch nicht so ultrawarm. Ich werde sogar einigermaßen warm im Schlafsack.

Donnerstag, 23. Januar 2014

Pausentag in Manang (3540m)



Heute können wir eigentlich endlich ausschlafen, denn heute ist unser Akklimatisierungstag, aber trotzdem sind wir um 6:30 wach. Ich habe wieder sehr lebhaft geträumt. Wir ruhen noch und stehen um 7:00 auf. Draußen ist schon viel los. Die 2 französischen Gruppen sitzen schon im Gastraum. Wir nehmen auch Platz und bekommen bald Lemon Tea und Apfelpfannkuchen. Lecker. Wir packen unsere Tagesrucksäcke und machen uns dann auf den Weg zum Gangapurna-See. Eine dünne Schneedecke liegt auf dem Boden. Der Himmel ist aber blauer als gestern. Bergab geht es aus dem Ort heraus Richtung Fluss. Hier grasen einige Yaks, die komische Laute von sich geben, die klingen wie Kühe auf Dope. Wir überqueren den Marshyangdi und dann spuren wir den Weg bergauf. 

im Marshyangdi-Tal

Blick auf Manang

Bald haben wir einen schönen Blick auf den See. Weiter aufwärts geht es, heute ohne viel Gepäck nicht ganz so anstrengend, aber anstrengend genug. Wir kommen zum Chonkgor-Aussichtspunkt, wo wir viele Fotos vom verschneiten Tal, Manang und den Bergen machen, beleuchtet von der Sonne. Viele bunte Fähnchen flattern im Wind. Hier gibt es sogar ein Restaurant, das aber noch geschlossen hat. Wir steigen weiter durch den Neuschnee bergauf. Ab und zu bleibe ich stehen, hole Luft, putze meine Nase. Aber es geht gut. Kein Kopfweh, kein Schwindel, keine Übelkeit. Bald erreichen wir den verlassenen Ort und steigen noch weiter bis zu einer kleinen Gompa auf. Hier sind wir bereits auf ca. 4200m. Unglaublich. Wir genießen die Aussicht, atmen tief durch und steigen dann wieder ab. 

tolles Wetter, tolles Licht

kleines Schaf vor großer Kulisse

verlassenes Chongkor

Blick von weit oben auf den Gangapurna-See

Auf dem Weg zurück begegnen wir einigen französischen Gruppen. Gut, dass wir heute die ersten waren. So hatten wir die schöne Landschaft und die Aussicht noch in Ruhe. Schnell geht es wieder bergab. Wir überholen eine extrem langsame Frau. Zwischendurch dreht ein roter Helikopter seine Runden über Manang. Wir überqueren den Fluss, dann geht es wieder aufwärts in den Ort. Das ist einfach anstrengend. Im Hotel verabschieden wir uns von D. und gehen in das Internet-Café und zum Kuchen essen. Ich esse eine Schoko-Rolle. Anschließend laufen wir zurück nach Braga. Die Colorado-Boys und viele andere kommen uns entgegen. In Braga muss ich unbedingt eine wehende bayrische Fahne fotografieren. Heute funktioniert meine Digicam besser als gestern, weil es nicht ganz so kalt ist. Trotzdem befürchte ich, dass meine zwei Akkus vielleicht nicht reichen werden. Ich hoffe, ich finde noch jemanden mit einem Ladegerät. Ansonsten müssen A.s Fotos und mein Handy reichen. 


On Air in Manang


Mjam!

Plüschige Yaks

ein Stück Heimat in Braga

Wir drehen noch eine Runde in Braga und gehen dann mit Rückenwind wieder zurück nach Manang. Auch hier schauen wir uns noch mal um und kehren dann noch in eine andere Bäckerei ein, wo ich Apple Crumble und einen Schoko-Brownie esse. Das reicht dann aber auch mit Süßkram. 
Wir gehen ins Hotel zurück, wo mittlerweile 4 (!) französische Gruppen Mittag essen. Ich zupfe meine Augenbrauen, was ich seit einer Woche nicht mehr getan habe. A. bestellt sich einen Eimer Heißwasser, ich beschließe, es heute bei Katzenwäsche zu belassen. Während fast alle Franzosen den Gastraum verlassen, kühle ich lesend so langsam aber sicher aus. Irgendwann kommt A frisch gewaschen, sogar die Haare. Das habe ich seit 3 Tagen nicht mehr gemacht. Aber gerade ist es einfach zu kalt. Also belasse ich es bei Katzenwäsche und ziehe mich dick an. Im Gastraum ist es kalt, 11°C, der Ofen ist aus. Ich hole mir eine Flasche Heißwasser zum Wärmen. Um 16:00 wird dann auch der Ofen in der hiesigen Weise wieder angeschürt: ein großes Trumm Holz, 3 kleinere Scheite, eine Menge Petroleum und Streichhölzer. Entgegen aller Befürchtungen fliegt der Ofen auch heute nicht in die Luft, sondern heizt gleich ordentlich ein. A. und ich haben wieder unsere Stammplätze am Ofen, trocknen noch restliches nasses Zeug. Die Nepalesen legen ihre Socken zum Trocknen aus. Einige Franzosen kommen wieder in den Gastraum. Wir lesen noch ein bisschen, während es langsam immer lauter und voller wird. Die zwei Mädels schauen kurz rein. Mittlerweile sitzt eine große Runde um den Ofen. Wir bestellen Essen für 18:30. Weil ich schon wieder Hunger habe, esse ich noch einen Früchteriegel. Alle Franzosen-Tische sind bald belegt. Wir essen am Ofen. Das Dal Bhat spezial schmeckt besser als das normale. Die Mädels kommen rechtzeitig wieder, als alle Franzosen an ihren Tischen sitzen und bekommen auch Plätze am Ofen, was einige Franzosen ziemlich nervt. Sie erzählen, dass sie beim Arzt waren und Puls und Sauerstoffsättigung haben messen lassen. Beide wären vom Puls her überm Limit. Sie sind ja beide auch ein bisschen erkältet und beschließen, morgen noch einen Pausentag in Manang zu machen. A. und ich prüfen unsere Pulse. Meiner ist bei 68. Krass. Ein Franzose feiert Geburtstag. Einige Yak-Burger werden durch den Raum getragen. Wir verabschieden uns bald mit unseren obligatorischen Wärmflaschen in die Schlafsäcke.

Dal Bhat spezial auf der Ofenbank